Die Story von Fakes & Shidget

In diesen Tagen braucht man einen beliebigen TV Nachrichtensender keine 5 Minuten laufen lassen, und schon hört man die nächste Hiobsbotschaft aus der von der Finanzkrise gebeutelten Welt. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass z.B. die französische Nationalversammlung – auf Drängen der Unterhaltungsindustrie – jüngst ein umstrittenes Gesetz gegen den illegalen Download von Musik und Filmen im Internet gebilligt hat. Bei Zuwiderhandlung drohen künftig Internetsperren von bis zu einem Jahr, wenn User hartnäckig gegen das Urheberrecht verstossen. Die Claims in punkto geistiges Eigentum werden von den Rechteinhabern also wesentlich gründlicher abgesteckt als bisher, denn bekanntlich sichert ein erfolgreiches Produkt auch in Krisenzeiten die lebensnotwendigen Einnahmen.

Auf der anderen Seite bedeutet Geld auch Macht, die von Global Playern nicht selten missbraucht wird, um die Profite weiter zu steigern. Bezüglich der neuerlichen Reform und Erweiterung der Gesetze “zur Verbreitung und zum Schutz kreativer Inhalte im Internet” setzen sich namhafte Branchenriesen wegen der oft strittigen Sachlage (Stichwort: Grauzone) fast zwangsläufig dem Verdacht aus, den Bogen zu überspannen um die Kassen zu füllen. Aber schlägt da wirklich immer der Goliath auf den David ein? Diese Frage möchten wir einmal mit euch anhand einer durch jüngste Ereignisse inspirierten Geschichte diskutieren, die wie jede gute Geschichte anfängt: Es war einmal …

… eine alte Dame namens Ramona, die besass einen schicken kleinen Spielzeugladen. In dem Laden gehen täglich eine Menge Leute ein und aus, denn Ramona hat immer viele interessante Geschichten zu erzählen und es ist einladend gemütlich und familiär dort. Eines Tages schneien zwei junge Künstler herein, die sich als Fakes und Shidget vorstellen. Die beiden zeichnen gerne Comics zu einem Spiel, das auch Ramona feil bot, und da der Tante die kleinen witzigen Geschichten gefallen und sie denkt, dass auch ihre Kunden sie mögen werden, legt sie die Comics zu ihren anderen Angeboten in die Auslage – kostenlos versteht sich.
Es dauert nicht lange, da sind die Comics weithin bekannt und beliebt, denn die Figuren in den Geschichten kennen Ramonas Kunden aus ihrem bestverkauften Spiel. Ja, sogar der Hersteller der die Figuren mal erfunden hat – die Firma Bussard – ist begeistert und hat nichts dagegen, dass die Tante die Geschichten kostenlos in ihrem Laden auslegt. Alle sind glücklich und zufrieden.

Im Laufe der Jahre ist aus Ramonas kleinem Tante-Emma-Laden ein stattliches Geschäft geworden, das viele neue Kunden anzieht. Bei so einer erfolgreichen Idee bleibt es natürlich nicht aus, dass auch andere so einen Laden aufmachen wollen, aber das macht nichts, denn Ramonas Geschäft läuft gut.
Eines Tages zieht ein fremder Junge in die Stadt, der gegenüber von Ramona auf der anderen Strassenseite einen Spielzeugladen eröffnet. Biff heisst der Junge, und er macht gleich richtig laut Reklame für seinen Laden, denn Ramona ist schon viel länger hier als er. Biff kann sich das leisten, denn er hat jede Menge Geld in der Tasche. Das ist zwar nicht sein eigenes, aber die Leute die Biff das Geld geliehen haben, glauben dass Biff aus einem Geldstück zehn macht. Die Tante beäugt Biffs Laden zunächst argwöhnisch, geht dann aber achselzuckend weiter, denn sie weiss dass das Leben eben nun mal so ist.
Biffs Laden wächst schnell und schon bald hat er den grössten Spielzeugladen in der Stadt. Auch Tante Ramonas Laden läuft nach wie vor gut. Nicht mehr ganz so gut wie früher, denn die Konkurrenz ist jetzt viel grösser als damals, aber er läuft. Die Leute, die Biff das Geld geliehen haben, freuen sich über satte Gewinne, aber sie wollen mehr. So besuchen sie Biff und sagen ihm, er solle seinen Laden vergrössern – das Geld dafür sei ja jetzt da.

Biff überlegt, was er jetzt wohl als nächstes kaufen könnte. Eine riesige Spielekartei, in die täglich viel Leute reinschauen, die hat er ja schon, und sie sorgt für den Grossteil seiner Einnahmen. Also kramt er mal die Angebote von anderen Spielzeugläden aus der Schublade heraus und blättert sie durch. In Ramonas Prospekt findet er gleich auf der Titelseite die Comics von Fakes und Shidget, die scheinbar sehr beliebt sind und täglich viel Kunden anlocken. Biff liest sich ein paar Comics durch und schnell ist klar: „Die will ich haben, koste was es wolle!“. Also zieht er seinen besten Anzug an, steckt ein dickes Bündel Geldscheine ein und „überredet“ die beiden Künstler bei einer gemeinsamen Zigarre, bei ihm einzusteigen und bei Tante Ramona auszusteigen.
Tante Ramona bekommt kurz darauf einen Brief, in dem steht, dass sie die Comics nicht mehr in ihrem Laden auslegen darf, auch nicht die alten, die ja bisher immer kostenlos waren. Der gerissene Biff hatte sich nämlich alle Rechte gesichert, und so darf nur er alleine diese Comics noch veröffentlichen. Ihr könnt euch vorstellen, dass die Tante an diesem Tag reichlich betrübt war, aber nach ein paar Tassen Kamillentee war sie bald darüber hinweg und ging weiter ihrem Geschäft nach, das auch ohne die Comics wie eh und je gut lief.

Biff brachte Fakes und Shidget dann ganz gross raus, und die beiden können sich jetzt auch Zigarren wie Biff leisten. Biff und die Leute, die ihm das Geld leihen, erkannten dass sie einen Volltreffer gelandet haben, und so wurde aus den anfangs kleinen, kostenlosen Biff-Comics eines der Markenzeichen des Ladens. Es dauerte nicht lange, da waren die Figuren von Fakes und Shidget auf vielen von Biffs Produkten zu finden, die man für Geld kaufen konnte. Da gab es z.B. F&S Comichefte oder T-Shirts mit irgendeinem erfrorenen König auf dem Thron, die sich sehr gut verkauften.
In all den Jahren hatten die beiden Künstler nur eines vergessen, nämlich dass nicht sie, sondern die Firma Bussard viele der im Comic dargestellten Figuren erfunden hat, mit denen sie und Biff jetzt Geld verdienen. Auch Bussard ist mittlerweile sehr gross und mächtig geworden, und so kommen eines Tages ein paar Männer in Anzügen in das Büro vom Bussard-Chef und murmeln irgendwas von einer Ratte. Der Chef hält kurz inne, fragt die Männer ob sie sich da sicher sind, und schickt sie dann zu Biff.
Tja, und es kam nun wie es kommen musste: Biff darf seine Artikel mit Bussard-Figuren nicht mehr verkaufen und Fakes und Shidget müssen jetzt viele Bilder neu malen.

Und was sagt Tante Ramona dazu? Ich glaube, die macht dasselbe wie der Verfasser dieser Zeilen: Sie sitzt mit einem schadenfrohen Grinsen bis breitem Lachen in ihrem Laden, weil der, der sie einst abmahnte, nun selbst abgemahnt wurde weil er die Nase nicht voll genug bekommen konnte.

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