Inn&Out Kolumne: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, aufzuhören?

In letzter Zeit stellt sich mir immer wieder genau diese Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, mit einem Spiel aufzuhören? Gibt es diesen “richtigen” Zeitpunkt überhaupt? Und kann man, nachdem man vielleicht Jahre viel Zeit, Kraft und Geld investiert hat, einfach so den Cut ziehen?

Und eigentlich beschränkt sich meine Frage nicht nur auf WoW, sondern auch auf viele andere MMOs, die ich spiele: SWTOR, ESO, WoW und sogar Aion, das ich auch viele Jahre sehr intensiv gespielt habe.

Deshalb folgt an dieser Stelle eine Kolumne der persönlicheren Art. Eine Kolumne, in welcher ich für mich versuche, herauszufinden, ob es diesen besagten Moment gibt und zu wissen glaube, dass es vielen sicher genauso geht wie mir.

Vor allem aber mache ich mir deswegen Gedanken, weil ich in den letzten Wochen und Monaten gehäuft Beschwerden gelesen habe. Über WoW, über ESO und SWTOR. Die Community, also zusammengefasst: ihr, seid unglücklich mit dem Verlauf, mit dem Weg, den euer Lieblingspiel eingeschlagen hat. Und dabei zeigen die meisten MMOs häufig dieselben Symptome: Zu wenig Abwechslung, zu wenig Content – zusammen genommen: Stillstand. Auch “falsche” Entscheidungen der hiesigen Entwickler tragen zum Unglück der Spieler bei.

Und jedes Mal, wenn die Beschwerden größer, massiger und schwerwiegender werden und sehr viel häufiger auftreten, stell ich mir diese eine Frage: Warum hört ihr dann nicht einfach auf? Warum beißt ihr euch so versessen an diesem Spiel fest? Warum wird gemeckert statt gekündigt?

Doch so leicht ist diese Frage gar nicht zu beantworten. Genauso wenig wie die der endgültige Schritt, das Abo zu kündigen und das Spiel womöglich sogar im gleichen Atemzug von der Festplatte zu schmeißen. Ich kann es auch irgendwie nicht. Doch woran liegt das?

Und während ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich WoW eher in Maßen, statt wie früher und noch vor etwa 2 Jahren, in Massen spiele, was vor allem an Warlords of Draenor liegt. Schon als Blizzard das neue Addon auf der BlizzCon 2012 ankündigte und alle sich in ihren Lobeshymnen kaum bremsen konnten, erzeugten die Features für mich leider nur ein müdes Lächeln.

Zum Beispiel ist die Garni nicht das, was ich mir für ein Spiel wie World of Warcraft erhofft hatte. Sie macht aus WoW ein Singleplayer-Game. Und als Hordler wird man zudem nicht einmal motiviert, nur einen Schritt vor die Tür zu setzen, denn alles, was man dort entdeckt, ist eine schneebedeckte Einöde. Und auch in meiner Festung sieht es nicht viel heimischer aus. Da erzeugt nicht einmal das Lagerfeuer für Wärme. Wenn ich dann zu meinen Kollegen rüberblicke und die Garnison der Allianz sehe, sieht das schon anders aus. Neidvolle Blicke treffen seinen Bildschirm, weil alles viel harmonischer und wärmer wirkt. Eine Garni, die mehr das Gefühl von “Zuhause” erzeugt.

Und wer mir nun sagt “Na, dann wechsel doch zur Allianz!” hat seinen kostbaren Atem nur vergeudet, denn die Allianz ist einfach nichts für mich. Ich bin Hordler, Untoter und Troll aus Leidenschaft. Mein Herz schlägt für die Horde, und das seit der Final Beta von WoW. Und außerdem hab ich hier meine Freunde. Seit Jahren. Auf Ally-Seite wäre da nichts. Da wäre ein Neuanfang nötig und dafür hab ich weder die Zeit, noch die Lust. That’s it.

Und ich glaube, genau das gehört auch zu den Gründen, warum viele ihr Spiel nicht aufgeben wollen: Freunde. Zeit. Lust. Und die Offenheit und den Mut, sich eventuell auf ein neues Spiel / MMO einlassen zu können.

Man darf eines einfach nicht vergessen: WoW hat schon über 10 Jahre auf dem Buckel und war auch eines meiner ersten MMOs, das ich je gespielt habe. WoW hat mich in das Genre eingeführt und damit auch eine Leidenschaft – ja, zeitweise sogar eine Sucht – geweckt, die ich so bisher nicht kannte. Ich hab geraidet, ich hab gefarmt, ich habe viele, viele tolle und auch weniger tolle Menschen kennengelernt, ich habe viel Quatsch gemacht, habe gegnerische Städte überfallen, habe andere Spieler getrollt und mich trollen lassen, habe viele Charaktere erstellt, wieder gelöscht und andere hochgelevelt, habe die Charnamen meiner besten Freunde durch die Hauptstädte gebrüllt (nur weil ich gesehen habe, dass sie on sind und sich gerade dort aufhalten) und habe viel, viel gelacht.

Ich habe im Laufe der vielen Jahre auch viel Geld, Zeit, Kraft und auch Liebe investiert. Mit einigen dieser Menschen, die ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe, bin ich sogar noch heute, nach all den Jahren, gut bis sehr gut befreundet.

WoW ist für mich also nicht “nur” ein Spiel, sondern weitaus mehr. Ein Quell voll wirklich guter und auch weniger guter Erinnerungen. Doch heute schmunzle ich noch über die Blödsinn, den wir allesamt angestellt haben. Und dann guck ich in meine Screenshots, in denen sich Bilder befinden, die zum Teil fast 10 Jahre alt sind, und kann sie auch heute nicht löschen. Genauso wenig, wie ich WoW kündigen und von meinem PC verbannen könnte.

Eines kann ich nicht leugnen: Natürlich liegt das auch unter anderem an meinem Job. Ich arbeite eng mit den Jungs von Blizzard zusammen und muss natürlich auch wissen, was in WoW passiert. Aber nein… das ist nicht der wahre Grund, warum ich WoW nicht aus meinem Leben schmeißen kann. WoW liegt mir am Herzen, weshalb auch ich Fehler, die Blizzard in meinen Augen in den letzten Jahren vollzogen hat, wirklich nur schwer verzeihen kann. Über kaum ein anderes Spiel kann ich so leidenschaftlich diskutieren wie WoW, kaum ein Spiel kritisiere ich so sehr wie WoW. Das ist doch eigentlich komisch oder? Vermutlich würdet ihr mir auch raten: Dann spiel es doch einfach nicht mehr! Kündige!

Aber: Wo wäre WoW, wenn ich meinen Job als Fanseitenchefin nicht hätte? Wäre ich diesen einen endgültigen Schritt nicht schon längst gegangen?

Vor etwas mehr als 8 Jahren, also zwischen Vanilla und Burning Crusade, war ich steinfest davon überzeugt: WoW wird mich ewig halten! Komme, was wolle! Egal, welchen Job ich dann angetreten habe oder wie meine Lebenssituation aussieht, ich wollte nie die Leidenschaft und die Zeit fürs Daddeln weniger werden lassen. Ich kann mich noch gut darin erinnern, wie damals ein befreundetes Paar darüber sprach, weniger zu zocken, wenn erst Kinder im Haus sind. Damals unvorstellbar für mich, heute vollkommen nachvollziehbar.

Kinder sind zwar noch nicht mein Eigen, dafür aber andere Dinge, die sich nicht von allein machen: Der Job, der Haushalt, Rechnungen bezahlen usw. – Willkommen im Real Life. Eigentlich habe ich, wenn ich abends mit meinem Job fertig bin, kaum noch die Zeit und Lust ein Spiel wie WoW anzuwerfen. Und dennoch zahle ich Abogebühren. Monat für Monat. Und eigentlich… ja, eigentlich schenke ich Blizzard monatlich eine Menge Asche für fast Nichts :)

Und ich glaube fest daran, dass es auch vielen anderen so geht. World of Warcraft ist Teil meines Lebens, seit vielen Jahren. Ich kann mich kaum daran erinnern, das Spiel jemals von meiner Festplatte entfernt zu haben. Ich glaube, das war nur einmal der Fall, zu Beginn von Cataclysm. Da habe ich WoW eine zeitlang nicht mehr angeschaut, aber Abseits dieser Zeit, befand sich das Spiel immer auf meinem PC.

Ich denke, dass WoW, unter all den MMOs, die ich bisher gespielt habe, immer etwas Besonderes bleiben wird. Nicht nur, weil das Spiel Klassenprimus ist und auch das erste, richtige MMO seiner Zeit war. Viele haben mit WoW ihre Jugend verbracht und sind damit aufgewachsen. Viele sind mit World of Warcraft erwachsen geworden und verbinden ebenso wie ich, viele Erinnerungen damit.

Denn eines habe ich gemerkt, seitdem ich in dieser Branche arbeite: Kaum etwas erzeugt so viel Leidenschaft, so viel Herzblut und Diskussionsbereitschaft wie ein Spiel, das man liebt. Und kaum etwas anderes enttäuscht einen mehr als die Entscheidungen, die in den eigenen Augen von den Entwicklern falsch getroffen wurden. Entscheidungen, die das Spiel verändern, einem aus der alten Komfortzone reißen.

Was mich wieder zur meiner anfangs gestellten Frage bringt: Wann ist also der richtige Zeitpunkt gekommen, mit einem Spiel aufzuhören?

Ich glaube nach wie vor, dass es den richtigen Zeitpunkt dafür nicht gibt. Vielleicht ist es richtig(er), eine Pause zu machen. Das Abo anzuhalten, sich anderen Spielen oder anderen Hobbies zu widmen, wenn man sich langweilt oder sogar enttäuscht ist. Um dann wiederzukommen, wenn man wieder die Lust danach verspürt.

Und im Endeffekt muss jeder für sich selber herausfinden, was man in dem Spiel eigentlich noch will: Ich weiß, dass ich nicht mehr raiden und mich zu sehr verausgaben will, um immer auf dem aktuellen Gearstand zu bleiben. Dazu fehlt mir jede Motivation. Und das ist mir ehrlich gesagt einfach viel zu anstrengend. :) Auch wenn ich deswegen möglicherweise einiges verpasse. Ich verbringe meine Zeit in WoW lieber damit, die Welt zu entdecken (bin genau deshalb auch ein Befürworter des Flugverbots), hole alte Erfolge ein, die ich noch nicht gemacht habe, sammle Mounts und Haustiere und werfe hier und da mal meine Angel aus. Ich habe nur noch einen “Main”, twinke und level nicht mehr und schicke hin und wieder meine Gefährten in die Welt. Bin ich halt ein “Casual-Spieler”. So what.

Vielleicht sehne ich mich auch wie so viele nach Classic WoW. Nach dem Quatsch, den ich damals gemacht hab. Nach stundenlangen und missglückten Bossversuchen in Raids wie Molten Core, BWL und Karazhan und dem Gefühl, trotzdem immer weiter machen zu wollen. Danach, wie ich mich aus Versehen mit meinem Mage in eine Gruppe Gegner portete, statt einen Tisch aufzustellen, wir wipten und wir trotzdem gelacht haben. Nach stundenlangen “Kunst”-Brückensprüngen im Redridge-Gebirge, nach dem alten “Wir”-Gefühl. Doch das ist weder machbar und einfach nur naiv gedacht. Dieses Gefühl, wonach sich so viele sehnen, wird es nie wieder geben, egal wie “classic” WoW wieder werden könnte. Dafür ist alles zu bekannt, dafür sind wir zu routiniert, zu satt.

Also ist es eigentlich auch nicht verwerflich, mit seinem Lieblingsspiel aufzuhören, wenn es auch nach einer eingelegten Pause nicht mehr geht. Denn World of Warcraft wird es noch lange und noch sehr groß geben – auch in ferner Zukunft, da bin ich mir sicher. Wenn auch nicht mit Abozahlen jenseits der 8-10 Millionen. Aber vielleicht kommt auch mal wieder ein Addon, was uns vom Hocker haut, was seine Versprechen und Spieler im Spiel hält. Vielleicht auch eines, was mich wieder mehr in den Bann zieht und die Motivation erzeugt, mich wieder mehr reinzuhängen.

Wer weiß, was die BlizzCon dieses Jahr so bringt. Wir werden es sehen.

Und wie sieht es bei euch aus? Spielt ihr noch WoW und wenn ja: Warum? Und wenn ihr dem Spiel schon längst den Rücken gekehrt habt: Wie sahen eure Beweggründe aus?

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