Raidprogress in WoW: Persönlicher Einblick in das Progressrennen – Wie ist es wirklich?

Das Progressrennen in Warlords of Draenor hat diese Woche wieder begonnen. Zahlreiche Seiten berichten über den Stand der Dinge, wie viele Bosse schon gelegt wurden und auch wie viel Zeit die Gilden in der Instanz verbringen. Laut ist der Tenor derer, die vor allem derzeit wieder schreien „Die haben doch alle kein Leben“, „Die leben doch bestimmt alle von Vater Staat“ und „Die könnten sich alle mal ein Reallife suchen“.

Doch… was stimmt davon eigentlich? Und was eher nicht? Solche Sätze und Aussagen lassen sich meist einfacher schreiben, als belegen. Aus diesem Grunde habe ich mir überlegt, zu diesem Thema einen eigenen Erfahrungsbericht zu schreiben.

Ich spiele World of Warcraft seit Classic und habe jeden Content – wie sagt man so schön – geprogressed. Auch derzeit spiele ich in einer Gilde, die die ersten zwei Wochen der Höllenfeuerzitadelle jeden Tag die Raidinstanz besucht und versucht, das möglichst Beste aus der Zeit herauszuholen.

Was benötigt es, um ein Progress-Raider zu sein? Natürlich Zeit und Motivation. Das ist irgendwie klar, wenn man sich die Raidzeiten der guten Gilden anschaut. In fast allen wird im WoW Progress morgens bereits begonnen, die Schlachtzugsinstanz zu besuchen und möglichst viele Gegenstände aus dieser zu erbeuten. In der Höllenfeuerzitadelle ist das nicht anders, denn Blizzard hat vor allem die Schmuckstücke und auch die Tier-18-Setboni so gestaltet, dass sie auf fast jeder Klasse ein Muss sind – wenn man denn mythischen Progress bestreiten möchte.

Wenn nicht morgens begonnen wird, so wird eben am Abend die Google-Tabelle aufgerufen, in der die ganzen Schlachtzüge aufgelistet sind. Denn man geht nicht nur mit seinem Main-Charakter raiden, sondern auch mit den Twinks. Dies ist selbsterklärend dazu da, um möglichst viele Mains mit den entsprechenden Items auszustatten. Manche Gilden haben drei (sogenannte) Splitraids, andere haben fünf und wieder andere gehen sogar acht Mal im normalen und heroischen Modus in den Raid, damit jeder seine perfekten Items bekommt.

Manch einer mag sagen, dass man doch ‘bekloppt’ sein muss, um so häufig ein- und denselben Raid zu durchlaufen. In gewisser Art und Weise haben diese Leute auch Recht, doch jetzt kommt das dicke ‘Aber': jeder, der Erfolg haben möchte, muss Zeit investieren. Ob man zum Beispiel nun als Hobby Fußball spielt und sieben oder sechs Tage vor einem Spiel jeden Tag auf dem Rasen steht, um sich zu perfektionieren, oder ob man in WoW eben sechs Mal die Woche ein und dieselbe Instanz besucht – es ist überall das gleiche.

Schach wäre hier übrigens ein ebenso guter Vergleich, da es sich hier ebenfalls rein um eine Kopfsache handelt und Konzentration und logisches Denken das Wichtigste ist. Falls also irgendwer das Beispiel mit dem Fußballspieler doof findet, da es eine ‘aktive’ Sportart ist, der kann das Ganze mit einem Schachspieler in Vorbereitung auf einen Wettkampf ersetzen 😉

Einmal alle durchbuffen, schon geht’s los…

Die Gilden machen dies nur, um einen möglichst guten Start in den Mythic-Progress zu haben. Je mehr die Charaktere ausgestattet wurden, desto besser beziehungsweise einfacher laufen diese Mythic-Raids. Je mehr ein Fußballspieler sich auf seinen Wettkampf vorbereitet, desto besser kann er hinterher die wichtigen Pässe spielen oder das ein oder andere Tor halten. Doch auch gilt, je öfter die Bosse vor dem Mythic-Progress schon gesehen wurden, desto einfacher ist es später, diesen vernünftig zu spielen und Acht auf die Mechaniken zu legen. Es ist alles eine Art von Vorbereitung, die eben wichtig ist.

Wo wir gerade über die Zeit sprechen, so gibt es hier auch das ein oder andere Vorurteil. Nein, natürlich sind nicht alle WoW-Progressgilden besetzt von arbeitslosen oder Langzeitstudenten. Bei uns ist es zum Beispiel so, dass sich die Spieler extra für den Progress Urlaub nehmen, oder aber ihre Zeiten der Arbeit/des Studiums so legen, dass es zeitlich hinhaut. Die meisten gehen ganz normalen Arbeiten mit regulären Arbeitszeiten nach und sind erst Abends am PC. Wenn man sich anschaut, dass in einem Großteil der Gilden, diese “Hardcore”-Zeit auch nach ein bis zwei Wochen abgeschlossen ist, ist es gar so, dass Progress-Gilden wesentlich weniger Zeit für das Spiel aufbringen, als es andere Gilden tun.

Als Beispiel: die Gilde ‘Ich spiel drei Mal die Woche’ geht drei Abende pro Woche für vier Stunden in die Raidinstanz. Insgesamt also zwölf Stunden in der Woche. Gehen wir davon aus, dass die Spieler dort nicht wirklich schlecht sind und sie auch den ein oder anderen Boss legen können. Sie haben keine Splitraids, sondern gehen ganz normal nur mit ihren Maincharakteren raiden. Dann hat diese Gilde eventuell nach drei Raidtagen vielleicht den heroischen und normalen Modus gesehen.

Für den mythischen Modus brauchen sie bei ihrer Stundenanzahl mindestens 10 Wochen, wenn nicht sogar noch mehr, da sie das Equip gar nicht haben, was die anderen Gilden bereits in der ersten Woche gut auf ihren Charakteren verteilt haben. Sagen wir, sie benötigten mindestens drei Monate durchgehend konzentriert an drei Abenden pro Woche – schließlich befinden sie sich die gesamte Zeit noch im Progress.

Die Gilde ‘Wir spielen 24/7′ hingegen geht die erste Woche vom heroischen Modus jeden Tag in die Instanz und stattet ihre Charaktere in drei Splitraids aus. Dafür haben sie dann Freitagabends ‘frei’ und die restlichen sechs Tage geht es Mittags los. Insgesamt pro Tag circa acht Stunden Spielzeit. In der zweiten Woche geht das Ganze so weiter, jedoch im mythischen Modus. Demnach geht es pro Woche circa 48 Stunden in die Instanz. Diese Gilde könnte übrigens die sein, in der ich gerade spielen.

Dafür sind diese Gilden jedoch schon nach circa zwei bis drei Wochen komplett fertig und können sich nach dieser Zeit voll und ganz um andere Dinge im Leben kümmern. Abends müssen keine Raids mehr gestartet werden, außer vielleicht Mittwochs, um die Instanz noch abzufarmen. Wenn man da keine Lust drauf hat, lässt man es einfach. Der ‘Druck’, zu raiden, und voll konzentriert zu spielen, ist auf jeden Fall nach den drei Wochen vorbei.

Sicher ist es jetzt gerade ‘anstrengend’ – vor allem bei den Temperaturen draußen. Jedoch macht jeder einzelne Spieler, der Progress spielt, es gerne und nachdem dieser vorbei ist, wird ein ganz normales Leben weitergeführt, teilweise sogar, ohne überhaupt in WoW einzuloggen.

Der ein oder andere Boss fordert auch mal einen Toten, oder Zwei…

Die Vorbereitung vor dem Release einer Schlachtzugsinstanz ist natürlich ebenso wichtig, wie das Spielen hinterher selber. Es müssen Fläschchen und Tränke gebraut oder gekauft werden, Runen gefarmt, die besten Verzauberungen und Edelsteine besorgt werden – den ein oder anderen koste das auch gerne Mal über Zehntausende von Gold. Doch das ist eine Sache, die sicherlich nicht nur in Progressgilden geschieht. Auch in den ‘normalen’ Gilden bereiten sich die Leute vor, teilweise sogar noch extremer, als in einer Hardcore-Gilde.

Was es jedoch in den meisten Fällen nicht gibt, ist die Pflege der Twinks. Doch auch diese frisst lange nicht so viel Zeit, wie manch einer zu denken scheint. Schließlich werden Twinkruns auf zum Beispiel die Schwarzfelsgießerei gestartet, um auch die Zweit- und Drittcharaktere ordentlich auszustatten. Dies macht man dann auch mal an einem Donnerstag oder einem Sonntag, wenn der Mainraid die Instanz schon fertig hat. Da man die Encounter ja sowieso alle kennt, ist solch ein zweiter Raid im mythischen Modus in den meisten Fällen auch kein Problem und wird gerne wahrgenommen. Wer hat schließlich nicht gerne zwei, drei oder vielleicht sogar vier Helden, mit denen er rein theoretisch raiden gehen könnte?

Für uns Progressgilden ist dies normal und es wird auch erwartet, dass die Spieler ihre Twinks perfekt spielen. Wer nun meint, dass das ja vollkommener Blödsinn ist, liegt gänzlich falsch. So kann es nämlich passieren, dass man bei einem bestimmten Encounter zum Beispiel auf einmal drei Heilschamanen benötigt (für die Raid-Cooldowns), aber nur ein Schamane in der Maingruppe spielt. Sind nun noch zwei weitere Heiler in der Lage, einen Schamanen als Twink zu spielen, ist das perfekt und gänzlich sinnvoll für den Raid! Probleme, hin- und herzuloggen und auch mal einen Twink im Mainraid oder Progress zu spielen gibt es eigentlich selten.

Vergleichen könnte man dies mit der Möglichkeit, auf dem Fußballplatz einfach mal eine andere Posi zu besetzen, weil euer Team euch braucht. Dann wird ein wenig trainiert und dann ist’s meistens ganz O.K.

Spieler, die Progressgilden und die Motivation hinter den besten Kills der Bosse nicht verstehen, sollten sich bewusst sein, dass dies für uns ein großes Hobby ist. Es macht Spaß, gemeinsame Erfolge zu feiern, sich auf wowprogress.com auf Seite eins zu sehen, und einfach zu wissen, dass man es zusammen geschafft hat. Das ist das Ziel und jenes wird verfolgt. Dass man sich dann auch mal ‘ne Woche Urlaub nimmt, soll doch jedem selbst überlassen sein. Dies gibt es in anderen Sparten des Lebens auch. Solange es Spaß macht, wird es auch weiterhin Progressspieler geben, die ihre Zeit in diesen relativ kurzen Abschnitt des Jahres stecken.

Und wenn man sich das Ganze mal anschaut, verbringen Progressgilden teilweise wirklich viel, viel weniger Zeit in WoW, als andere. Deswegen wollte ich diesen Standpunkt einfach mal deutlich machen, da es in letzter Zeit verhäuft böse Kommentare in diese Richtung gibt. Vielleicht überdenkt der ein oder andere ja einfach mal seinen Standpunkt :)

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