Es begab sich vor langer Zeit, daß ein kleines Nachtelfenmädchen namens Yhanadja, das heißt „Kleine Feder“ in der Sprache der Menschen, im Ashenvale Forest das Licht der Welt erblickte. Es wuchs auf unter den Gräsern der Ebenen und den Wipfeln der Bäume, tief im Herzen des Nachtelfenwaldes. Im zarten Alter von 40 Jahren entschloß es voller Neugierde, die Welt außerhalb des Dorfes zu erkunden. Zwar liebte es das Dorf der Nachtelfen mit seinen hängenden Brücken, seinen hölzernen Hütten, die selbst wie Bäume aussahen, der fröhlichen Musik, die immer dort zu hören war und den fröhlichen Wesen. Doch das kindliche Herz verlangt nach Neuem und Aufregendem, nach Abenteuern – freilich ohne auch die Gefahren zu sehen.

Eines Nachts, als die Eltern in tiefer Meditation versunken waren, erhob sich das Mädchen vom nächtlichen Lager auf weichem Moos und schlich durch die Hütte zum Ausgang. Keinen Laut verursachte es, denn grazil und elegant waren seine Bewegungen – einer Elfe angemessen. Mit ihren großen, grünen Augen durchblickte sie die Dunkelheit außerhalb der Behausung und fand mit sicherer Hand die Strickleiter, welche von den hoch oben thronenden Plattformen der Elfenstadt hinunter auf den Waldboden führte.

Dort angekommen, rannte das Mädchen einfach drauf los, ohne sich noch lange Gedanken über Verpflegung oder gar ein Reiseziel zu machen. Wie es ihr gelang, die Wächter des Waldes zu umgehen und ihrer Aufmerksamkeit zu entschlüpfen, das weiß man nicht, doch es gelang. Schon bald war die junge Elfe allein mit dem dunklen Wald, mit den rauschenden Blättern und dem Murmeln des Windes in den Büschen und Gräsern. Hier und da lugten die leuchtenden Augen eines Kauzes von einem hohen Ast herab oder das Glitzern eines Schwarmes kleiner Feen erschien in der Ferne, um einen Augenschlag später zu entschwinden.

Kleine Feder hatte sich von den Ältesten des Dorfes vieles über die Bewohner des Waldes erzählen lassen. Sie kannte manche und brannte vor Neugierde und dem großen Wunsch, sie alle kennen zu lernen. Feen war sie nie begegnet und deshalb folgte sie ihrem Leuchten, das sich immer gerade am Rande des Sichtfeldes bewegend, mal hier- und mal dorthin schlängelte.

Nach vielleicht einer Stunde, in der das Elfenmädchen ununterbrochen dem Leuchten gefolgt war, und langsam ermüdete, verschwanden die Feen mit einem Mal und waren nicht mehr gefunden. Sie hatten wohl ihre kleinen Äugelein geschlossen, wie es sich zu dieser späten Stund gehörte. Enttäuscht und traurig über das plötzliche Ende des Abenteuers, wendete Kleine Feder sich um und trat den Rückweg an. Doch die Bäume ringsum schienen seltsam fremd und unheimlich. Die Gräser schlängelten sich um ihre Beine und wollten sie festhalten, die Äste neigten sich, um ihr ins Gesicht zu schlagen und die Büsche zerrten an ihrem Lederwams. Nach kurzer Zeit mußte das Mädchen sich selbst eingestehen, daß es sich verlaufen hatte. Diesen Ort kannte es nicht – war hier noch nie gewesen.

Verzweifelt und den Tränen nahe setzte sich Kleine Feder auf einen Baumstumpf und legte das Kinn in die Hände. Was tun? Wie lange sie dort saß, wußte sie nicht, doch irgendwann bemerkte sie ein Geräusch im Unterholz und ein leises Wiehern. Das Elfenmädchen horchte auf und Entzücken verdrängte die Traurigkeit. Es waren wilde Pferde in der Nähe, sie hatte es genau gehört. Ihnen würde sie sich anvertrauen und sie um Rat bitten. Kaum war dieser Gedanke gesponnen, als auch schon das majestätische Haupt eines makellos weißen Pferdes durch eine Öffnung im Dickicht lugte. Doch ach- was war das für ein wundersames Pferd. Denn golden war seine Mähen und es hatte sogar ein Horn auf der Stirn, das ebenfalls eine goldene Farbe aufwies. Sollte dies ein Einhorn sein? War die kleine Elfe am Ende ihrer Reise womöglich doch am Ziel angelangt? Während das Mädchen sein Gegenüber mit großen Augen und offenem Mund anstarrte, sprach das Wesen in einer sanften, melodiösen Stimme:

„Hallo, Kleine Feder. Was machst Du so fern von Deinem Dorf? Solltest Du nicht schlafen? Du bist unartig.“

Kleine Feder faßte sich und antwortete trotzig:

„Ich bin neugierig. Und wenn das unartig ist, na schön, dann bin ich eben unartig.“

Das Einhorn schien zu lachen. Jedenfalls wieherte es leise und schüttelte die Mähne. Dann sprach es:

„Hast Du denn keine Angst vor mir? Weißt Du, was ich bin?“

„Jawohl, ich weiß es. Du bist ein Einhorn. Das sehe ich an Deiner Mähne und an dem Horn auf Deinem Kopf. Und Du kannst zaubern und sprechen. Du bist ein Wächter des Waldes und beschützt ihn mit Deiner Zauberkraft. Du bist die Kraft Elúnes und das das Licht der Gestirne, die Reinheit des Wächters und die Lebensfreude der Sonnengrüßerin. Stimmt’s?“

Das Einhorn trat näher und senkte sein Haupt.

„Du bist ein weises Mädchen, Kleine Feder. Du hast viel von den Ältesten gelernt.“

„Und ich werde noch viel mehr lernen, wenn ich die vielen Wesen des Waldes kennenlerne!“, unterbrach das Mädchen ihr Gegenüber.

„Geduld, junge Elfe. Mäßigung ist eine Tugend und spärlich gesät. Für heute solltest Du Dein Abenteuer beenden. Schau, ich werde Dich auf meinem Rücken nach Hause tragen.“

„Es ist doch noch nicht spät. Kannst Du mir nicht den Wald zeigen? Und die Wesen, die darin leben? Ich bin überhaupt nicht müde.“

Das Einhorn blickte der Kleinen tief in die Augen. Nach einer Weile sagte es:

„Ich werde Dir diese Gunst gewähren, Kleine Feder, denn Du bist etwas ganz Besonderes. Steig auf und halte Dich gut fest. Wir werden schnell reisen. Ich heiße übrigens Silberpfeil“

Mit einem Freudenschrei kletterte das Mädchen auf den Rücken des Einhorns und hielt sich an der goldenen Mähne fest, wie es eben ging. Mit einem leisen Wiehern setzte sich ihr Gefährte in Bewegung und schon bald flogen sie über Sträucher und Gräser, an Bäumen und Büschen vorbei. Das Einhorn führte sie zuerst auf eine Lichtung, in deren Mitte ein kleiner Weiher lag. Das Mondlicht spiegelte sich im klaren Wasser und der Nachtwind verursachte kleine Wellen, auf denen die roten Seerosen wie Schiffchen schaukelten. Das Quaken der Frösche verschmolz mit dem Zirpen der Grillen und einem andern – kaum vernehmbaren Geräusch. Das Einhorn wendete den Kopf zur Seite und flüsterte der Elfe zu:

„Das hier ist der See der Feenkönigin. In der Mitte des Sees, auf einer großen Seerose, steht ihr Palast. Nur selten ist es anderen Wesen erlaubt, diesen Ort zu betreten und seine Ruhe zu genießen. Also halte die Augen offen, denn nur die Götter wissen, ob Du diesen Ort erneut finden wirst. Schau! Die Königin erhebt sich von ihrem Blütenthron und bewegt ihre kleinen Flügel. Sie ist in ein seidenes Gewand aus Tau gekleidet und wird von vielen tausend Farben umspielt. Sie kommt auf Dich zu! Du darfst ihr drei Fragen stellen, denn ich habe bei ihr ein gutes Wort für Dich hinterlegt.“

Kleine Feder rutschte aufgeregt auf dem Rücken des Einhorns hin und her, während die Feenkönigin, begleitet von ihrem Dienerinnen, auf sie zuflog. Das Einhorn flüsterte noch:

„Strecke Deine Hand aus, kleine Elfe“

Und sie tat, wie ihr geheißen. Die Königin ließ sich anmutig auf der ihr dargebotenen Hand nieder und blickte aus ihren zarten Äugelein zur Elfe hinan. Dann sprach sie in einer Stimme, die einem Glockenspiel ähnelte:

„Sei willkommen, kleine Feder. Dein großer Traum ist heute in Erfüllung gegangen. Manchmal, wenn andere Wesen sich etwas sehnlichst wünschen und ihr Herz rein ist, dann blickt das Schicksal gnädig auf sie und gewährt ihnen eine Sternstunde des Glücks. Ich sehe viel Neugier in Dir und viel Unruhe. Das letztere kann ich nicht mildern. Das kannst Du nur selbst. Doch es liegt in meiner Macht, Dir drei Fragen zu beantworten, um Deinen Wissensdurst zu lindern. So sprich nun.“

Kleine Feder überlegte angestrengt, was sie denn fragen sollte. Dann schlug sie die Augen auf und sprach.

„Ich habe nun Einhörner und Feen kennengelernt. Aber gibt es auch die anderen Wesen, von denen die Ältesten berichten?“

Die Feenkönigin lächelte.

„Blicke tief in Dein Innerstes und Du wirst dort Gewißheit finden. Denn Du sehnst Dich nach uns und glaubst daran, daß es uns gibt. Wieso sollte es nicht so sein?“

„Und werde ich sie alle noch sehen?“

„Ja, daß wirst Du. Doch nicht heute. Freue Dich, kleine Feder. Denn Du hast einen guten Freund gefunden. Silberpfeil wird Dir den Wald zeigen und Du wirst staunen.“

„Warum gibt es außerhalb des Waldes so viele böse Dinge?“

„Das Böse ist ein Teil des Ganzen, das Chaos und die Ordnung halten sich das Gewicht. Die Waage schwingt hier und dort hin, doch die Götter mögen verhüten, daß eines Tages eine der beiden Schalen den Boden berührt. Nur wenigen Wesen ist es vergönnt, über Gutes und Böses in ihren Taten entscheiden zu können, wie die Menschen in den Städten aus Stein. Du bist ein Teil des Lichtes, das in der Dunkelheit strahlt und sie erhellt. Fürchte Dich nicht und trete dem Bösen mutig entgegen. Doch bei allem, was Du tust, mußt das Leben Du achten. Alles Leben ist lebenswert, wo immer es keucht und fleucht. Nur was sich gegen das Leben selbst wendet und es verhöhnt, hat auch sein Recht verwirkt. Denke immer daran. Und nun müßt ihr weiter ziehen. Leb wohl, Kleine Feder. Möge der Wald mit Dir sein.“

Die Feenkönigin erhob sich von der Hand und flog zu ihrem Palast zurück. Silberpfeil trabte davon und trug Kleine Feder mit sich, einem neuen, nächtlichen Abenteuer entgegen.

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