Bestie

Inai Kalanaar dola dorei una. Anabal-tumo ses tir’ath gabuna. Fur kal’meth ses erola mala manare. Kaldorei izshera un tola ventare.

Höre, Kalanaar, die Schreie deiner Kinder, aus fernen Träumen dringt ihr Klagelied, denn grausam fügte sich ihr Schicksal, als Sternenkind und Bestie sie verschlangen.

– aus: „Lobgesang auf die Bestie“, darnassische Lyrik

Prolog

Die Luft hing schwer über dem Ort, gesättigt von den verschiedensten Düften, die die Blumen im Frühjahr verbreiteten, doch auch von dem unvermeidlichen Potpourri an Gerüchten, welches immer dann entstand, wenn viele Leute sich an einem Ort versammelten. Zwiespältig und voller Erwartung schienen die Gemüter der Anwesenden ringsum. Eine ungeheure Menge war rund um ein Podium versammelt und lugte gespannt hinauf, dort wo bisher nur einzelne Personen bereits Platz genommen hatten. Ohne Vorwarnung erhob sich plötzlich Gemurmel gleich einem aufgebrachten Hornissenschwarm. „Tritt vor, Elarion, und trage uns vor, was du uns mitzuteilen hast.“ Die scharfe Stimme, welche von einer verschleierten Elfin auf dem Podium herabhallte und kaum weiblich klang, schickte sich an, das Stimmengewirr zu zerschneiden und hatte Erfolg, denn im selben Augenblick wurde es still ringsum. Nicht einmal eine Mau wäre noch auszumachen gewesen. Ohne dass ihm vorher auch nur ein geringes Maß an Beachtung zugekommen wäre, erhob sich ein Nachtelf aus der Menge. Die violetten Haare wallten lang und wild wachsend über seine nur von einer Tunika bedeckten bläulichen Haut hinab. Von seinem Gesicht ging zunächst eine gewisse Gelassenheit aus, doch als er sich über die Menge erhob und auf das Podest trat, da zeichneten sich klaffende Falten auf seinem Antlitz ab. „Ihr wisst ebenso gut wie ich“, begann er zu sprechen, „weshalb ich hier bin. Deshalb lasst mich direkt zur Sache schreiten. Die Geschichte von Maa’thas ist eine von Verrat, Tod und Mord. Doch die Bestie ist nicht mehr.“ Kaum hatte der Nachtelf diese Worte gesprochen, sahen einige aus der Zuhörerschaft verwirrt und ungläubig drein. Die Verhüllte sah sich um, sagte jedoch nichts. „Ihr schenkt meinen Worten keinen Glauben. Ich sehe es in Euren Augen. Und wäre ich einer von Euch und ich hätte Maa’thas Ermordung nicht selbst beigewohnt, ich würde es Euch gleichtun. Doch hört zuerst, was sich zugetragen hat, und schimpft mich dann einen Lügner.“

Kapitel I

Misstrauisch beäugte die junge Kylina Windfury die armselige Kreatur, welche am Boden zusammengekauert dalag. Mit Ihren Augen fuhr sie sie von den Füßen bis zum Schopf immer wieder ab, stets bestrebt, die Quelle seiner Stärke auszumachen, denn was sie sah, konnte unmöglich dem gleichen, was sie hätte sehen sollen. Spielte Ihr sonst so scharfer Verstand nun einen Streich? Nein, das konnte wahrhaftig nicht der Grund sein, denn Ihre Vernunft bläute ihr beständig ein, dass es sich nicht um einen Irrtum handelte. Sie hatte die ganze Zeit über, in der sie die Kreatur bewachte, sich nicht näher an zehn Schritte an diese herangewagt, obwohl sie offenbar das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt hatte. Kylina war eine vorsichte Wächterin, welche sich geschworen hatte, den so schrecklichen Fehler aus ihrer Vergangenheit nicht zu wiederholen.
„Komm mit, wir werfen nur einen kleinen Blick auf es“, hatte Enithas ihr von weitem zugerufen und wie wild mit den Armen gerudert. „Ich… nein, du weißt, dass es verboten… und gefährlich ist“, hatte sie zögerlich geantwortet. „Du weißt doch gar nicht, wie es reagiert.“
„Kylina ist feige! Kylina ist ein Angstelf!“ war die Antwort darauf gewesen. Kylina war Enithas ohne weiteres Zögern gefolgt, wollte sie diesen Vorwurf doch nicht auf sich beruhen lassen, aber Enithas war schon zwischen dem Meer aus Baumstämmen und kleinen Büschen verschwunden. Nur ab und zu lugte eine schwarze Silhouette aus dem Zwielicht hervor.
„Warte doch!“ hatte Kylina ihm hinterher gerufen, doch ihre Stimme war in der Weite des Waldes ungehört verhallt. Sie war so schnell sie ihre Füße trugen hinterdrein geeilt, doch irgendwann waren selbst Enithas Umrisse verschwunden gewesen. Obgleich sie als Elf mit dem Wesen des Waldes von klein auf vertraut war, hatte sie nunmehr das erkannt, dass sie schrecklich allein in diesem Ungetüm war. Verängstigt war sie stehen geblieben.
„Enithas? Enithas!“ Aber alle ihre Schreie hatten nichts bewirkt. Stille hatte sich ringsum die kleine Kylina gelegt, die Schreie verzehrt – eine furchtbare Stille, bedrückend, kalt. Nur weit entfernt hatte der Wind gesäuselt und ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen lassen.
„Angstelf!“ hatte sie plötzlich eine Stimme wie ein Pfeil getroffen, sodass sie mit einem Mal herumfuhr und in ein ihr gut vertrautes Gesicht blickte, über welches Enithas übertrieben breit grinste. Zorn war über Kylina gekommen und sie fuhr ihn an: „Was fällt dir ein, mir so einen Schreck einzujagen? Du bist wirklich der unvernünftigste Kaldorei den ich kenne!“
„Tut mir leid, Kylina“ hatte er sich halb herzig und noch immer lachend entschuldigt. „Du willst es aber doch auch sehen. Gib es zu! Es ist gleich hier. Komm schon.“ Und ohne ein weiteres Wort gewechselt zu haben, hatte sie sich dabei ertappt, seinen Schritten zu folgen.
Schon kurze Zeit später hatten sie eine Höhle erreicht und sie starrten in ein gähnendes, fast kreisrundes schwarzes Loch, welches dort in der Felswand klaffte. Von drinnen waren seltsame Geräusche gedrungen. Etwas schien sich dort in der Schwärze zu regen.

„Siehst du es?“ hatte Enithas im Flüsterton gefragt. „Es schläft.“ „Was ist das?“ hatte Kylina wissen wollen. Sie hatte nur Umrisse einer hünenhaften Gestalt ausmachen können, eines Bären, eines großen Hirschs oder ähnlichen Wildtieres, doch hatte sie festgestellt, dass weder das eine noch das andere hätte von solcher Größe sein können. Für einen Moment hatte sie geglaubt, ein Geweih am Kopf dieses Monstrums ausgemacht zu haben. „Ist das… das ist doch nicht…“ „Ein ausgewachsener Eulenbär!“ Überschwänglicher Stolz war in Enithas Stimme zu hören gewesen. „Enithas! Du bist wirklich verrückt uns zu einem Eulenbären zu führen und dann auch noch derartig rumzubrüllen“, hatte Kylina mit unterdrücktem Zorn gezischt. Enithas hatte sich mit den Worten „Du bist mir doch gefolgt, also tu nicht so ernst!“ verteidigen wollen, da war es auch schon zu spät gewesen. Ein scharfer Schnabel war blitzartig aus der Höhle gefahren und hatte nach Enithas Arm geschnappt. In Panik hatte er erbärmlich um Hilfe geschrieen, doch die schier unglaubliche Kraft des Eulenbären hatte ihn in dessen Höhle gerissen, ins Dunkel, fort von Kylina. Diese stand da und hatte alles mit ansehen müssen, wohl wissend dass es nichts gab, was sie hätte tun können. Sie selbst war starr vor Angst gewesen. Als das jämmerliche Geschrei von Enithas abrupt verstummt war, hatte Kylina begriffen, was geschehen war und sie war davongelaufen.
Eine dicke Träne rollte über das Gesicht der Wächterin, in der sich kurz all die Gefühle jenes verfluchten Tages widerspiegelten. Man hatte ihr noch immer nicht verziehen, dass sie ihren jüngeren Bruder Enithas nicht von alledem abgehalten hatte. Viele Jahre lang war ihr immer nachgehangen, dass sie dereinst versagt hatte. Nahezu jeder in ihrem Heimatort wusste davon. Ständig behandelte man sie schlecht. Immer wieder flackerte die Erinnerung an das Ereignis auf, seit einigen Tagen schlimmer als je zuvor. In solchen Momenten half es Kylina sehr, sich in eine andere, bessere Welt zu denken, in der ein mächtiger Beschützer an ihrer Seite stand. Manchmal jedoch machte es dies nur noch viel schlimmer als zuvor.
„Nein, an Euch werde ich nicht zu nah herantreten, Bestie!“ unterbrach sie ihre Gedankengänge lauthals. „Ihr seid es nicht wert, von mir bewacht zu werden. Ihr verdient es, getreten, geschlagen und gehasst zu werden!“ Die Erinnerung an Enithas hatte ein Gefühl der Wut in Ihr aufkochen lassen, das sich nun gewaltsam Luft verschaffte. Der eigentliche Zorn richtete sich jedoch gegen sie selbst und die Spötter in ihrem Dorf. Sie wendete sich von der Kreatur ab, ging ein paar Schritte von ihr weg und stampfte mit dem rechten Fuß auf. „Es ist eine Schande, mich mit Euresgleichen abgeben zu müssen.“ „Für mich ist es ebenfalls alles andere als angenehm“, erwiderte überraschend eine tiefe raue Stimme hinter Kylina, während sich eine stark behaarte Pranke samt scharfer Krallen langsam an Ihre Kehle schmiegte.

Eine hoch gewachsene Nachtelfin in einer schwarz glänzenden Metallrüstung und mit einem finsteren grünen Samtumhang bedeckt, betrat den Raum. Klar klangen die Schritte durch die Weite des Saals, so dass es in regelmäßigen Abständen widerhallte. Die Elfin bewegte sich schnurstracks und mit dämonischer Präzision auf ihr Ziel zu. Zu ihren Seiten waren bestechend schöne Wandmosaike zu sehen, die prächtig illustrierten, wie der Brunnen der Ewigkeit dereinst entdeckt worden war und wie die ersten Pioniere Freundschaft mit dem Halbgott Cenarius schlossen. Die Elfin jedoch hatte keinen Blick für die Pracht ringsum. Ihr Blick haftete am Ende des Raumes. Dort befand sich ein kräftiger Nachtelf in einem prächtigen Gewand, aus einem Fenster in die Ferne blickend. Als sie letztlich in einigem Abstand zu seiner prächtigen Gestalt angekommen war, blieb sie auf der Stelle stehen und machte eine übertrieben tiefe Verbeugung, so dass die Platten ihrer Rüstung unüberhörbar schepperten. Die Ankunft der Gestalt schien den Nachtelf gänzlich unbeeindruckt zu lassen, denn sie stand abgewandt zu ihr und hatte sich nicht gerührt.
„Herr? Habt Ihr ihn gefunden? Maa’thas, die Bestie?“ hallte eine helle, neugierige Stimme dumpf unter dem Helm ihrer Rüstung hervor. „In der Tat. Wir haben die Bestie heute Morgen sichergestellt. Es besteht kein Zweifel an der Identität“, gab der Elf wider. „Verfahrt genau so, wie wir es besprochen haben. Wisset aber, dass die junge Windfury…“ Er stockte kurz. „…sie bewacht.“ Die Kriegerin schaute nach diesen Worten entsetzt drein, versuchte es aber, vor ihrem Gegenüber zu verbergen. „Herr, macht es tatsächlich einen Sinn? Maa’thas wird vom Konklave ohnehin verurteilt werden, für das, was er Kalanaar angetan hat.“ „Ihr zweifelt an meinen Befehlen, Ty’oia?“ Die Nachtelfin stand ihrem Gesprächspartner nahe und wollte ihn nicht verletzen. Sie hatte sich stets in den Ansichten ihres Vorgesetzten wieder gefunden und diese mit einem Höchstmaß an Hingabe erfüllt. Lange hatte sie ihm treu gedient und ihm stets vertraut. Doch zum ersten Mal überhaupt wurde an diesem Tag ihre sonst so uneingeschränkte Loyalität auf eine harte Probe gestellt. Irgendetwas schien seinen Geist auf sonderbare Weise zu belasten, gar zu verwirren. Er konnte unmöglich ernst meinen, was er soeben befohlen hatte.
„N-nein“, stammelte sie. „Aber Herr. Ich kann nicht gegen Windfury vorgehen. Ihr müsst das doch einsehen! Dies sind außergewöhnliche Umstände. Ich würde mir nie verzeihen, wenn -“ Der Nachtelf schnitt ihr rüde das Wort ab und drehte sich zu ihr um: „Shindu fallah-nah, Ty’oia! Diese Umstände sind mir gleichgültig. Der Befehl war deutlich. Ich hoffe nicht, dass Ihr wünscht, mich zu enttäuschen.“ „Nein, Herr… Was soll ich also tun?“ wollte die Elfin wissen. Ihre Stimme klang zittrig und ratlos in ängstlicher Erwartung der unvermeidbaren Antwort. „Tötet sie… beide!“

Kapitel II

Wo bleibt er nur? Diese Frage hatte sich Asteria schon die ganze Nacht gestellt. Es wollte bereits Tag werden und noch immer verharrte sie am ausgemachten Treffpunkt beim Mondbrunnen, welcher sich direkt im Zentrum des beschaulichen Ortes befand. Er hätte schon vor einer halben Ewigkeit hier sein sollen. Den Nachtelf, den sie so sehnlich erwartete, war Zachith, ein aufstrebender Druide, ein viel versprechendes Mitglied des Konklaves und zugleich ihr Verlobter. Er hatte sich noch am selben Tag mit ihr am Treffpunkt, an welchem Asteria nun wartete, verabredet, war jedoch bisher nicht erschienen. Viele Gedanken gingen Asteria durch den Kopf. Sie dachte darüber nach, ob er womöglich wie bereits mehrfach zuvor einen Auftrag für das Konklave angenommen hatte, doch dann verwarf die den Gedanken und redete sich ein, er würde sie niemals für keine noch so wichtige Angelegenheit derart lange warten lassen. Langsam, doch beständig, wuchs in ihr ein furchtbarer Gedanke: Könnte ihm etwas zugestoßen sein? Normalerweise wusste ein gut ausgebildeter Druide unter der Lehre des Cenarius höchstpersönlich sich mehr als gut selbst zu verteidigen, doch in den geweihten Wäldern Ashenvales war nicht alles Seeligkeit dieser Tage. Geschichten von wilden gehörnten Nachtelfen, welche mordend und brandschatzend einige Außenposten am Rande des großen Waldes in Angst und Schrecken versetzt haben sollten, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer dieser Tage. Priester der Kaldorei sollten sie einst gewesen sein, so wurde gesagt, die ihrer Gier nach Magie verfallen waren und nun der Brennenden Legion dienten. Um ihre Missachtung und ihre Verbannung aus der darnassischen Gesellschaft auszudrücken, hatte man sie verachtungsvoll „Satyrn“ getauft. Das Konklave war schon seit einigen Wochen mit dem Fall betraut, war sich aber noch nicht sicher gewesen, wie das Problem zu handhaben wäre. Und dann war das Massaker über eines der Siedlungen gekommen. Ein gefrorener Schauer kroch über ihren Rücken bei dem Gedanken.

Asteria wartete nur noch einen Augenblick, dann stand sie vom Rand des Mondbrunnens auf, auf welchem sie gesessen und gewartet hatte und lief los. Wenn Zachiths Leben wahrhaftig in Gefahr sein sollte, so würde keine weitere Sekunde zögern dürfen. Wo sie ihn suchen sollte, war ihr ein Rätsel, aber Asteria erlaubte sich keine unnötige Zeitverschwendung. Sie würde ihre Liebe ohne Zweifel aufspüren. Ihr Ziel war das Haus, in welchem sie mit Zachith schon seit vielen Jahren lebte. Es hatte, der traditionellen kaldoreischen Bauweise folgend, weder Fenster noch Türen, denn auch jegliche Form von Außenwand suchte man vergeblich. Die naturverbundenen Nachtelfen wollten zu jedem Zeitpunkt im Freien sein und hätten sich ohne die Weite des Waldes nur furchtbar eingesperrt gefühlt. Vor Dieben brauchte man sich in Ashenvale nicht fürchten, kein Nachtelf hätte je gewagt unter den wachenden Augen Elunes ein Verbrechen zu begehen. Zumindest galt das für jene, die sich noch Nachtelfen nennen durften. Sie schritt über die Schwelle ihres Hauses und stürmte ins Schlafgemach, wo sie unter dem Bett ihren Bogen hervorkramte. Schnell eilte sie zum Schrank, um aus diesem einen Köcher voller Pfeile und eine Klinge an sich zu nehmen. Sie hat ein ganz und gar ungutes Gefühl. Und ihr Gefühl sollte sie nicht belügen.

In Kylina wuchsen Unbehagen und Ekel gegen die Klaue, die sich um ihre Kehle legte, doch wagte sie es nicht, etwas zu sagen oder sich gar zu bewegen. Die Krallen dieser Bestie kratzen wie Rasiermesser auf ihrer Haut. Beißender Gestank bohrte sich in ihre empfindliche Nase.
„Und was, junge Wächterin, gedenkt Ihr nun zu tun? Nun, da Ihr mir hilflos zappelnd ausgeliefert seid? Nun, da der Tod Euch eiskalt anhaucht, kurz, bevor der hagere Schnitter sich Eurer bemächtigt?“
„Ihr seid alles andere als imstande mich zu töten. Ihr seid verwundet“, erwiderte sie ihrem Peiniger trotzig, obschon sie sich alles andere als sicher war, ob diese Worte die Wahrheit wiedergaben.
Das seltsame Wesen lachte lauthals und hämisch. „Ein Anflug von Trotz? Ihr amüsiert mich.“ Seine Klaue schnürte Kylina immer mehr die Luft ab. „Ihr redet viel für einen gnadenlosen Schlächter meines Volkes, Satyrn. Bringt es zum Ende und flieht von hier. Eure Verderbtheit besudelt unsere heiligen Hallen“, würgte sie heraus.
Der Satyrn klang von Kylinas Worten überrascht und lachte schallend auf. „Wirklich belustigend, Elflein, höchst belustigend. Eine Weile sollt Ihr noch existieren, denn Ihr scheint wirklich gar nichts begriffen zu haben.“ Und mit diesen Worten lockerte er abrupt seinen Griff um Kylinas Hals. Diese sackte in die Knie atmete erleichtert ein.
Kopfschüttelnd stapfte das Monstrum nervös wie ein eingepferchter Löwe im Raum auf und ab. Kylina, noch immer am Boden, ließ es nicht einen Moment aus den Augen.

Sie konnte ihr Glück in diesem Unglück kaum fassen. Jetzt bot sich die Möglichkeit, zuzuschlagen und den Gegner außer Gefecht zu setzen – ganz so, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Die Worte ihrer Mentorin hallten in ihrem Kopf: „Wenn der Gegner einen Fehler macht – und danket Elune, er wird – dann schlagt schnell und erbarmungslos zurück.“ Langsam führte sie ihre Hand über ihre Lederrüstung, hinab an den Gürtel und zum blitzenden Heft ihres Schwerts. Als sie den Knauf des Griffs in der Handfläche spürte, umfasste sie diesen so fest sie konnte, zog das Schwert ruckartig heraus, so dass das charakteristische metallische Schleifen unüberhörbar wurde und sprang aus ihrer Kauerhaltung auf den Rücken des Satyrn los. Dieser hatte allerdings damit gerechnet und wandte sich flugs zu ihr um, holte einmal kräftig mit der Pranke aus und versetzte der eher zierlichen Nachtelfin einen derart harten Hieb, dass sie zu Boden fiel bis zur nächsten Wand rutschte.
„Nein, törichtes Weib. Nichts versteht Ihr! Sie suchen. Und sie kommen, jetzt da sie gefunden haben. Sie haben die Schuldige gefunden! Euch.“

Kapitel III

Ty’oia marschierte die leeren, doch prachtvollen Gänge des Gebäudes entlang. Für die kunstvollen Fresken ringsum hatte sie keinen Blick. Tausend Gedanken blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Er kann es nicht verlangen. Ich kann es nicht tun. Jeder Schritt schien ihr in diesem Moment unendlich schwer, als hätte man ihr die Last der Welt an die Füße gekettet. Zwiespalt durchsiebte ihre Selbstsicherheit. Die Kriegerin war es gewohnt, zu töten, doch niemals hatte sie ihr eigenes Volk bekämpfen müssen. Er war ihr Auftraggeber, ihr Vorgesetzter. Und doch war er soviel mehr als das. Bis zum heutigen Tag war ihre Liebe zum ihm ungebrochen. Gegenwärtig schien er ihr jedoch völlig fremd. Er hatte sich verändert. Fürsorge und Lebensfreude waren Ernst und Brutalität gewichen.

Vor einigen Tagen hatte es wie aus dem Nichts begonnen. Sie hatten sich lediglich treffen wollen um wieder einmal den Untergang des Mondes zu beobachten und die vertraute Zweisamkeit abseits aller militärischen Rangordnung, die in ihren Leben zwischen ihnen stand, zu genießen. Er war gekommen und hatte sich zu ihr gesetzt. Lange Zeit war kein einziges Wort gefallen und bis auf ein entferntes Meeresrauschen war vollkommene Stille um das Paar gewesen. Als Ty’oia näher heranrückte, um seine Hand in ihre zu nehmen, hatte er sie kommentarlos abgewiesen. Ty’ioa war erschrocken und verwirrt gewesen und hatte an einen Fehler ihrerseits geglaubt, womöglich einen Auftrag, der nicht zu seiner Zufriedenheit verlaufen war, obwohl sie sich keiner solcher Begebenheit erinnern vermochte. Waren es die Fälle der Satyrn am Rande Ashenvales, die sich schwer auf seine Seele gelegt hatten? War es der Fall des Dorfes Kalanaar gewesen, bei welchem hunderte von unschuldigen Nachtelfen von einem Satyrnführer namens Maa’thas grausam abgeschlachtet worden waren? Niemand hatte jenen furchtbaren Tag überlebt, als die Satyrn über das kleine Dorf hereinbrachen. Kein Kind, keine Frau – es gab niemanden, der Zeuge des Massakers geworden war und überlebt hatte. Sie alle waren erbarmungslos hingerichtet worden. Beständig hatte ihr Liebster seit jener sonderbaren Begebenheit dieses Abends der Ergreifung der Bestie, wie der Name lautete, dem man Maa’thas seit dem Massaker gegeben hatte, entgegengefiebert. Ty’oia hatte sich Besserung erhofft, als sie ihm die Nachricht von dessen Ergreifung gebracht hatte, doch dies war nicht der Fall gewesen. Stattdessen verlange der Druide Windfury nun nach einem Mord. Ausgerechnet an ihrer viel versprechensten Schülerin. Und noch schlimmer, an seiner eigenen Tochter, Kylina Windfury.

Ich kann es nicht tun.Mehr als alles andere liebte sie ihn, doch diesem Wahnsinn wollte sie nicht folgen. Sie war dazu nicht bereit.
Sie erreichte letztlich doch die fragliche Tür. Aus dem Raum drangen Worte einer seltsamen Konversation, die sie jedoch nicht genau verstehen konnte. Beinahe klang es wie Gesang. Dann glaubte sie, zu begreifen. Kylina schien sich mit Maa’thas prächtig zu verstehen.
Kylina kooperiert mit der Bestie? Das ist es, was meine Liebe betrübt. Ty’oia geriet in eine plötzliche Rage, als sie endlich klar sah, was sie schon längst hätte bemerken müssen. Leise zog sie ihre Rundklinge unter dem messerbewehrten Umhang hervor. Mit einem kräftigen Tritt stieß sie die Tür ein, welche knarrend zerbarst. Was sie dann jedoch erblickte, war etwas völlig anderes, als was sie erwartet hatte.

Den Bogen über die Schultern geschnallt und mit dem Köcher auf dem Rücken lief Asteria die Treppen ihres Hauses hinab. Ein Gefühl von panischer Angst schien sie wie aus heiterem Himmel zu ereilen. Noch niemals hatte sie so sehr um Zachith gebangt, obwohl sie keinen handfesten Grund dazu hatte, außer dem, dass er nicht erschienen war und sich zumeist nicht verspätete. Ihre Füße ließen sie nahezu über den Erdboden gleiten. Zunächst, so war ihr Plan, wollte sie ins Dorfzentrum zurückeilen, um einige Bürger nach dem geliebten Druiden zu fragen. Jemand wusste sicher näheres, war er doch gut bekannt und äußerst beliebt. Dazu kam es jedoch nicht. Kurz bevor sie den zentral gelegenen Platz erreicht hatte, läutete die Alarmglocke des östlichen Wachturms. Abrupt blieb Asteria stehen und horchte. Auch sämtliche Einwohner schienen förmlich alles stehen und liegen zu lassen, als die Glocke erklang, und drehten sich zum Turm um.

Dong, dong, dong.

Drei Schläge. Ein Angriff.

Unmöglich, niemand kennt den Durchschlupf, dachte Asteria und wollte sich mit der Tatsache beruhigen, dass das Dorf nur durch einen geheimen Zugang von Osten aus erreicht werden konnte, wollte man nicht in die zahlreichen Wachposten und damit ins sichere Verderben laufen. Im selben Augenblick noch wurde ihr Gedanke Lügen gestraft, ertönte doch bereits ohrenbetäubendes Kampfgeschrei hinter den Häusern am Platz. Die Anwohner liefen in Schrecken davon, einige flohen in ihre Häuser und verrammelten die Türen. Auch alle Fenster schlugen nach und nach zu. Asteria blieb zurück. Nervös blickte sie sich um. Das wilde Gebrüll näherte sich. Schnell sprang sie hinter den gewaltigen Baum, welcher den gesamten Platz überragte und beinahe so alt wie die Kaldorei selbst war. Den Rücken ganz an die harte Baumrinde gepresst stand sie da und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Wer konnten diese Invasoren sein, die es ohne Mühen bewerkstelligt hatten, den geheimen Zugang zu finden? Etwa Satyrn? Das Gebrüll sprach dafür, doch hätten sie den Eingang niemals finden können. Das Raunen kam immer näher, wurde lauter, dann war es eindeutig, dass ein ganzer Pulk von unbekannten Eindringlingen auf dem Dorfplatz aufmarschiert war.

„Ruhe!“ fauchte eine kratzige Stimme und augenblicklich verstummte die Meute. „Wir, der göttliche Maa’thas, werden uns zum Sieg führen!“ Jubel brach aus, überschwängliches, blutlüsternes Kriegsgeschrei. „Wir lassen Euch teilhaben am größten Sieg unserer Zeit, der die Nathrezim und all die anderen willfährigen Speichellecker des Meisters erzittern lassen wird. Heute ist unser Tag! Heute werden wir beweisen, dass wir die wahren Agenten der Legion sind! Wir werden ein Exempel statuieren an dieser lächerlichen Gemeinde und unseren Durst mit ihrem Blut stillen! Meine Brüder, schlachtet sodann alles und jeden nieder, damit es dem dunklen Herrn gefalle!“
Die junge Asteria begriff nicht, was sie soeben mit angehört hatte, verstand jedoch, dass sie handeln musste. Die Nachtelfen wussten von der Brennenden Legion, jener Armada von Dämonen, die sich anschickte, Azeroth aus Gier nach ihrer ihr innewohnenden Magie zu verzehren, wer aber die Nathrezim oder die anderen Speichellecker, von denen der Anführer der Eindringlinge gesprochen hatte, waren, entzog sich ihre Kenntnis. Eines jedoch hatte sie sehr wohl begriffen. Der Name Maa’thas stand für sinnlose Gräueltaten gegen die Kaldorei. Die hier eingedrungene Armee wollte ganz offensichtlich ihren „Vorgesetzten“ in der Brennenden Legion ihren Wert beweisen, indem sie unschuldige Bewohner niedermetzelten. Asteria schluchzte. Sie fühlte sich der Gewalt einer höheren Macht ausgeliefert und mutterseelenallein. Könnte doch Zachith hier sein. Hier bei mir in Kalanaar.

Kapitel IV

„Warum sollte man mich suchen?“ fragte die röchelnde Kylina Windfury, verletzt am Boden liegend. „Was habe ich getan? Sie kommen um Euch zu holen, nicht mich.“
Der Satyrn brach in grimmes Gelächter aus. „Ihr habt in der Tat nichts getan, Kylina Windfury. Nichts, als Euer Bruder ins Verderben lief. Nichts, als er von wilden Eulenbären zerfleischt wurde. Selbst als man Euch verspottete, tatet Ihr nichts.“
Kylina hielt sich die Ohren zu, bevor sie in Tränen ausbrach. Sie wollte nicht an ihren Bruder oder die Gemeinheiten erinnert werden. Sie wolle endlich vergessen. Sie wollte diesem Dämon nicht ausgeliefert sein.
„Behaltet Eure Lügen für Euch!“ fluchte sie. „Schweigt! Schweigt!“

Die Meute Satyrn setzte sich wieder in Bewegung. Asteria dachte angestrengt nach, was sie tun könnte, doch alleine schien sie nicht fähig, das bevorstehende Blutvergießen zu verhindern. Nichts anderes, als im Schatten zu verharren, blieb ihr übrig. Sie senkte den Kopf und lauschte. Eine Tür wurde aufgebrochen. Eine weitere. Kinder weinten, Mütter schrieen. Die junge Elfin ertrug es nicht länger, sprang um den Baum herum, schnallte den Bogen ab und zückte einen Pfeil aus dem Köcher.

Maa’thas beugte sich über die zusammengekauerte Kylina. Dann riss er ihre Hände beiseite und umklammerte sie fest, damit sie sich nicht länger vor dem verschließen konnte, was er ihr mitzuteilen hatte. So sehr Kylina auch strampelte, sie konnte sich gegen den Satyrn nicht zur Wehr setzen. Vor Verzweiflung schloss sie die Augen um ihrer Situation zu entfliehen. Maa’thas indessen, singend, oder vielmehr krächzend, begann sein höhnisches Spottlied:

Kleines Mädchen mein, niemand hört dein Schrei’n.

Der erste Pfeil sauste und traf einen der größeren Satyrn, der scheinbar soeben ein Kommando hatte geben wollen, genau zwischen die Augen. Einige andere um ihn schreckten auf, als ihr Bruder tot auf den Boden klatschte.

Niemand hört dein Flehen, bald wirst du vergehen.

„Was ist denn das da?“ wollte ein Satyr begierig wissen, schaute kurz nach seinen Genossen, um sich zu vergewissern, dass sie ihm folgten, und stürmte dann auf Asteria los. Diese hatte bereits einen neuen Pfeil in den Bogen gespannt und zog die Sehne an.

Denn nach dir sie suchen, denn auf dich sie fluchen.

Satyr um Satyr sank getroffen in seinem Blut nieder. Asteria war eine mehr als vorzügliche Bogenschützin. Außer der kleinen Gruppe, welche sie nun mit Pfeilen übersät hatte, schien noch kein Angreifer Notiz von ihr genommen zu haben. Zu sehr waren sie auf das von ihnen eingeleitete Blutbad konzentriert. Endlich fand Asteria die Muße, sich Maa’thas vorzuknöpfen. Sie schlich in die Richtung, in aus welcher die Stimme gekommen war. Noch immer hallten von dort zischende Kommandos. Allein die Stimme des Maa’thas klang beim näher kommen immer seltsamer. Vertrauter.

Du bist nicht so wie du erscheins’,

Asteria erschrak. Wie ein fallender Schleier lüftete sich das Geheimnis und sie verstand die volle Tragweite dessen, was hier geschah. Jetzt hatte sie verstanden. Gerade war Asteria hinter Maa’thas Rücken angekommen. Noch einmal dachte sie an ihren Geliebten Zachith und mit seinem Namen auf den Lippen lief sie los, ihr kurzes Schwert in der Hand, kampfbereit. Ihr Ziel war klar. Maa’thas musste fallen. Aber er hatte sie bereits bemerkt.

Du und ich – wir sind eins.

Kylina fühlte, wie ihr Verstand, ihr Charakter, ja ihre ganze Seele verschwand, schlichtweg die Existenz beendete, als sie die Bedeutung jenes letzten Satz erfasst hatte. Jedoch war es auf sonderbare Weise angenehm. Kaum hatte Maa’thas die letzten Worte gesprochen, krachte die Tür der Zelle ein und eine mehr als verwirrt dreinblickende Wächterin, die typische Rundklinge bereits in der Hand haltend, stand im Eingang. Ty’oia wollte ihren Augen nicht trauen. Da lag Kylina Windfury, stolze Schülerin der Wächterinnen, wimmernd am Boden, offenbar im Kampf mit etwas, das gar nicht vorhanden war. Dabei hatte sie ein seltsames Lied angestimmt, raffte sich immer wieder auf, warf sich zu Boden. Von der so genannten Bestie dagegen war keine Spur zu sehen. Die ganze Situation schien Ty’ioa seltsam suspekt und unwirklich. „Was wird hier gespielt?“ fragte sie boshaft.

Maa’thas schnappte nach Asterias Arm und riss sie beinahe um. Das Kurzschwert flog davon und blieb im Boden stecken. „Lasst mich los, Bestie!“ stieß sie voller Angst aus, doch Maa’thas hatte sie bereits fest im Griff.

„Meisterin!“ rief Kylina voll Hoffnung aus, doch schon im nächsten Moment verzog sich ihre Miene ins Groteske, bis ihr Gesicht nicht mehr ihres war. „Kylina kann Euch nicht hören“, zischte dieser und grinste bis über beide Ohren. Die Wächterin Ty’oia fuhr zurück. Sie wünschte sich weit weit weg, hinfort von all dem Ärger. „Wie ist das möglich? Kylina! Wächterin, was hat man Euch angetan?“ „All das, was Ihr seht und was wir vollbracht haben, ist das Ergebnis der Folterung unserer unsterblichen und unschuldigen Seele, für die Ihr alle verantwortlich seid. Wir haben jetzt die Kontrolle. Zeitlebens habt Ihr uns den Tod Enithas’ zum Vorwurf gemacht. Wir, Maa’thas, sind es, die den Verlust an Enithas kompensieren, den Tod unseres Bruders ausgleichen, uns vor Euren Anschuldigungen beschützen.“ „Beschützen? Ihr habt hunderte Bewohner von Kalanaar abgeschlachtet, Mörder! Was haben sie mit Euer Misshandlung zu tun?“ Ty’ioa hielt ihre Rundklinge nervös vor den Körper, um Maa’thas auf einem sicheren Abstand zu halten. „All diese Nachtelfen sind so töricht!“ ereiferte sich Maa’thas und schnaubte wütend. „Wir sind in Kalanaar aufgewachsen. Dessen Bewohner haben den Fall von Enithas, unserem geliebten Enithas, erlebt. Um ihn haben sie getrauert. Und uns haben sie gehasst für seinen Fehler!“ Die Elfin, oder was auch immer sie jetzt war, spuckte aus. Dann fuhr sie fort: „Vor wenigen Tagen erst kamen wieder einige Kinder zu uns. Sie verspotteten uns und sagten, ihre Eltern hätten ihnen erzählt, wir hätten unseren Bruder gefressen. Könnt Ihr Euch diese Qualen vorstellen? Sie haben Enithas in den Schmutz getreten. Wir mussten sie bestrafen. Sie alle. Wir gingen zu den Satyrn im Osten. Sie waren eine verlässliche, aber dumme Macht, die uns blind folgte, als ich ihr den geheimen Eingang zu Kalanaar verriet. Noch ein paar Worte über die Legion mussten wir erwähnen, schon folgten sie uns wie Sklaven. Sie waren so perfekt für unsere Rache.“ Ty’ioa schloss die Augen. Es war zu viel. Ihr Geist musste zuerst verarbeiten, was man ihr aufgetischt hatte. Ihre Schülerin war offenbar eine Geistesgestörte, eine Schizophrene, eine Besessene, die viele unschuldige Leben genommen hatte. Ihr Vater hatte ihren Tod befohlen. Sie wusste nun auch, warum. Die Todesstrafe, die ihr das Konklave auferlegen würde, wäre weitaus grausamer als ein schnelles Attentat. „Euch ist klar“, ergriff sie dann das Wort, „dass das Konklave Euch zum Tod verurteilen wird.“ „Euer Konklave ist eine Instanz, die über Nachtelfen richtet. Wir sind… mehr als das. Eure lächerlichen Rechte gelten nicht für uns.“ Die Wächterin schritt mutig auf Maa’thas und warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Erzählt das dem Konklave“, fauchte sie. „Des Weiteren“, fuhr Maa’thas seelenruhig fort, „seid ihr sicherlich nicht bewaffnet hier erschienen, um uns unserem Haftrichter vorzuführen. Wir vermuten vielmehr, dass unser Vater unseren Leidensprozess beenden möchte.“

Ty’oia wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Der Plan war durchschaut. Maa’thas, die Kreatur in Kylinas Geist, war offenbar wahnsinnig, doch kein Narr. Im selben Augenblick noch sprang Kylina auf ihre Meisterin zu und stieß ihr den Helm vom Kopf. Die hieb aber sofort mit der Klinge nach ihr und verletzte sie durch deren Lederrüstung leicht, so dass sie gellend aufschrie. Nun entbrannte ein regelrechter Kampf der beiden Wächterinnen gegeneinander – Meister gegen Schüler. Dennoch war es nicht der einzige Kampf, der in diesem Moment ausgefochten wurde. Krampfhaft wehrte sich der letzte Rest von Kylinas Seele gegen ihren Unterdrücker, den sie selbst erschaffen hatte. Es war aussichtslos. Letztlich siegte Maa’thas gänzlich. Als Ty’ioa die Gelegenheit günstig glaubte, stürzte sie sich mit der Klinge auf Kylina. Diese ging zu Boden, rollte herum und Ty’oia rammte ihre Waffe in den Boden. Funken sprühten. Schnell raffte sich Kylina wieder auf. Sie wollte die Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Während Ty’oia mit aller Gewalt an ihrer Klinge zog, die nicht einmal daran dachte, sich wieder herausziehen zu lassen, zückte Kylina ihr Schwert und suchte durch das geborstene Portal das Weite. Die unbewaffnete Wächterin blickte ratlos umher. Nichts lang ihr ferner, als ihre Waffe zurückzulassen, doch letztlich rang sie sich genau dazu durch. Einen Dämon in Elfengestalt, welcher zu Bluttaten fähig gewesen war, konnte sie nicht ungestraft davonkommen lassen. Es widerstrebte der Natur der Wächterinnen, an deren Spitze die meisterliche Maiev Shadowsong stand. Eiligen Schrittes folgte sie dann dem Monstrum, das die Gänge entlang jagte. Kylina waren die Gänge vertraut, deshalb kam sie schnell vorwärts. Ty’oia fiel auf, dass sie offenbar nicht den Ausgang suchte. Vielmehr ging ihre Reise in Richtung der Druidenquartiere.

Kylina will ihren Vater töten. Das war der Wächterin sogleich klar. Auf keinen Fall wollte sie hinnehmen, dass ein Dämon ihre Liebe niedermachen würde. Gestärkt von diesem Gedanken trugen ihre Beine sie schneller als jemals zuvor vorwärts. Nach kurzer Zeit schon war sie in kurzem Abstand zu Kylina angekommen. Plötzlich blitzte es auf, und Ty’oia stand in einem gleißenden Licht, das direkt wieder verlosch. Doch mit dem Blitz war Kylina verschwunden. Als Wächterin wusste sie, was das zu bedeuten hatte. In ihrem Jargon verstand man die Fähigkeit, sich über kurze Strecken teleportieren zu können, als „Blinzeln“, denn länger brauchte es nicht, um sich mittels dieses Zaubers selbst durch massive Wände hindurchzubewegen. Die meisten Wächterinnen besaßen diese Fähigkeit, so auch Ty’oia. Gerade wollte sie selbst zu dem Manöver ansetzen, da schlug ihr jemand heftig auf Hinterkopf, so dass sich schwarze Nacht um all ihre Gedanken legte und sie zusammensank. Das Letzte, was sie sah, war die Fratze der dämonischen Bestie. Dann war da noch ein Gedanke an eine geliebte Person.

Mein Elarion.

Kapitel V

„Kylina suchte mich also in meinem Quartier auf. Sie kam in mein Zimmer getaumelt und sah furchtbar geschwächt aus. Da stand sie vor mir, aber ich hatte sie erwartet. Mein Kind war nicht mehr zu retten. Darum tat ich das einzig richtige und vernichtete sie mit einem schnellen Schlag. Unsagbar schwer ist es mir gefallen, aber es musste getan werden. Maa’thas ist tot, ebenso Kylina. Es gibt niemanden mehr, der zur Rechenschaft gezogen werden müsste“, beendete Elarion seine Geschichte. Trauer war in seinem Gesicht zu sehen. „Doch müssen wir Euch zur Rechenschaft ziehen, Druide“, hallte es vom Podium herab. „Ihr hab eine unschuldige Kaldorei ermordet. Ihr wisst, welche Strafe darauf steht.“ Elarion Windfury schüttelte den Kopf. „Geachtete Vorsitzende des Konklaves, bin ich als Vater, der seine im Blutrausch mordende Tochter umbringen musste, denn nicht gestraft genug? Sie war alles andere als unschuldig.“ „Ich spreche mitnichten von Eurer Tochter Kylina.“ Der Druide begriff nicht, worauf die Vorsitzende anspielte. „Ich habe außer ihr noch nie jemanden getötet.“ Aber diese Aussage war nicht vollkommen korrekt.

Als Ty’oia aufwachte schmerzte ihr Kopf fürchterlich. Alles war dunkel und verschwommen. Mühevoll raffte sie sich auf. Sie erinnerte sich an gar nichts mehr, nicht an Kylina, nicht an Maa’thas oder dessen abscheulichen Plan. Orientierungslos streifte Ty’oia durch die endlosen Gänge der Konklavehalle. Mit einer Hand krallte sie sich Halt suchend fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Letztlich erreichte sie ein erleuchtetes Zimmer. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie keine Rüstung mehr trug, nur ein paar Lederteile waren vor ihren Oberkörper geschnallt und eine Art von Schleier schien um ihren Kopf gebunden zu sein. Eine Erklärung für all diese Verwirrung suchend, taumelte sie weiter in Richtung des Lichtes. Im Zimmer befand sich eine Person, dessen verwaschene Umrisse sie sogleich wieder erkannte. Meine Liebe! dachte sie und schleppte sich hoffnungsvoll weiter. Im nächsten Augenblick sauste ihr bereits eine Kugel geballten Naturzornes entgegen. Als sie getroffen wurde, stach sie der Schmerz tausend Nadeln gleich in alle Glieder ihres Körpers, doch sogleich klang er ab und alle Gefühle versanken in ein wohlig warmes Meer, das sie sanft davontrug.

„In der betreffenden Nacht habt Ihr nicht etwa Eure Tochter, welche die Bestie Maa’thas war, sondern Eure Geliebte getötet“, erläuterte die Vorsitzende nüchtern. „Nein. Nein!“ Elarion verdrängte den Gedanken sofort, doch er wusste, dass es wahr sein musste. Die Leiche war furchtbar entstellt gewesen, so dass er sie nicht hatte eindeutig identifizieren können. Er hatte außerdem seither nichts von Ty’oia gehört oder gesehen. Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer konnte er seine Welt vor seinen Augen zerbrechen sehen. Nichts würde jemals mehr so sein wie zuvor.

Der Dämon legte beide Hände an die Kehle von Asteria und drückte diese mit aller Gewalt zu. Asteria rang um Luft. Sekunde um Sekunde verstrich. Mit ihren schlanken krallenartigen Händen versuchte sie, Maa’thas zu kratzen und seinem todbringenden Griff auf diese Weise zu entgehen, aber so sehr sie sich auch wehrte, es nutzte nichts. Urplötzlich schossen aus dem Boden gigantische Ranken, die die Bestie in Windeseile umschlossen, ja sogar an seinen Armen zerrten, um Asteria zu befreien. Maa’thas war vollkommen überrascht. Die Ranken waren stärker. Letztlich musste er Asteria freigeben. Ächzend lief sie davon. Sie wusste genau, wer ihr zu Hilfe geeilt war. Sie erreichte Zachith, fiel ihm auf der Stelle um den Hals und küsste ihn. „Dafür ist jetzt keine Zeit“, kommentierte der junge Zachith ernst. „Verlassen wir dieses verfluchte Dorf, wir können hier nichts ausrichten. Wir müssen es dem Druiden Windfury mitteilen.“

Einige bewaffnete Soldatinnen der Nachtelfen waren aufgestanden, um Elarion in Gewahrsam zu nehmen. Sie zwängten sich soeben durch die Menge, vorbei an den aufgebrachten Zuhörern, welche wütend auf Elarion zu sein schienen und lautstark seine Hinrichtung forderten. Als er das hörte, erhob sich ein junger Druide aus den Konklavemitgliedern. Es war Zachith und an seiner Seite stand eine geschwächte Asteria. „Hört mich an, Volk! Ihr fordert Vergeltung für die Geschehnisse in Kalanaar. Wir waren bei seinem Untergang dabei und können es bezeugen: Die Schuldige weilt noch immer unter uns. Sie ist hier. Sie sitzt dort oben auf dem Podium!“ Zachith zeigte auf die Vorsitzende.
Die Hörerschaft blickte entsetzt auf das Podest. Sofort stand die Vorsitzende auf, zog sich den zeremoniellen Schleier aus dem Gesicht, welches den Blick auf das groteske Gesicht einer Elfin freilegte. Dann stieg Maa’thas auf das Podium, zog ein in der Morgensonne blitzendes Kurzschwert und mit einem Satz stand er mitten im Volk, das angstvoll zur Seite wich. Einige Kaldorei flohen voller Furcht. Die Soldatinnen ringsum griffen zu ihren Gleven und bildeten einen Kreis, Maa’thas zu umringen. Immer enger zog sich die Schlinge aus gut ausgebildeten Kriegerinnen um die Bestie zu. Vorsichtig näherten sie sich Schritt um Schritt. Elarion, dem dies alles zuviel des Durcheinanders war, stand wie angewurzelt da, mitten zwischen den Soldatinnen und der Bestie und sah dem Geschehen zu.
Zachith hatte Maa’thas Absichten durchschaut und rief ihnen zu: „Nein, wartet nicht! Tötet ihn auf der Stelle!“ Da war es auch schon zu spät. Maa’thas lachte noch einmal laut auf, dass es sämtlichen Anwesenden durch Mark und Bein ging, dann rannte er direkt auf Elarion zu und rammte ihm die Klinge ins Herz. „Für mich… gibt es nichts mehr, für… dass es sich zu leben lohnte. Tötet uns!“, stöhnte der Druide und lächelte ein letztes Mal, bevor ins Gras stürzte. Die Gleven, die daraufhin durch die Luft surrten, ließen von Maa’thas und Elarion nichts übrig bleiben als einen kleinen blutverschmierten Haufen Gliedmaßen.
Asteria und Zachith wandten sich ab. Maa’thas hatte es provoziert und letztlich nichts anderes verdient. Jetzt war alles vorbei und die unschuldigen Seelen der unzähligen Toten waren gerächt. Asteria blickte in Zachiths leuchtende Augen, dann klammerte sie sich ganz fest an ihn und hoffe, dass alles nur ein böser Traum gewesen war, aus dem sie baldigst erwachen wollte.