Die Schlacht von Andorhal

Ein elfisches Märchen
Dedicated to PO Cervantes Olivar – “Freunde für immer!”

“Rückzug!”, schrie Hauptmann Nandhor und erwachte schweißgebadet. “Schützt die rechte Flanke. Wir haben einen Einbruch bei Lorak’s Regiment!”, rief er noch einmal, brüllte und schleuderte es der Dunkelheit entgegen, die ihn umgab. Noch einmal durchlebte er die grausigen Minuten. Er erinnerte sich daran, wie er auf den Zinnen der Stadtmauer stehend mit ansehen musste, wie der Flüchtlingstreck, der versuchte, durch das südliche Stadttor zu entkommen, und in dem sich nur Frauen und Kinder befanden, von einer geifernden Meute aus Golems zerfleischt und zertrümmert wurde. Seine Liebste war unter ihnen gewesen. Er erinnerte sich an den stechenden Schmerz, tiefer und brennender als jedwede fleischliche Wunde es vermochte. “NEEEEEIN!”, hatte er gebrüllt. Hatte einfach nur gebrüllt, als einzelner das in Worte fassend, was alle um ihn herum nur mit offenem Munde empfanden. Alle starrten sie, die sie als letzte Verteidiger von Andorhal gegen die heranflutende Seuche ausharrten, über die Zinnen der zerstörten Stadt auf das Massaker, welches sich ihnen darbot. Der ganze Wahnsinn dieser Stunden, die Verzweiflung, der Hass. Und dann – ja – die RACHE! Die Rache war sein.

Nandhor brüllte wie ein Tier. Seine Mannen, die ihn als fehlerlosen Anführer verehrten, blickten mit lodernden Augen zu ihm auf. Ihre Hände fassten die von Schweiß durchnässten Schwertknäufe fester. Ihre Zähne leuchteten grimmig zwischen den schmalen Lippen hervor. “Weh’ Dir, Andorhal! Du bist verloren! Doch wir werden Dir einen Abgang bescheren, der Deiner einstigen Schönheit ebenbürtig ist.”, kam es aus dem Halse des Hauptmannes. “Legt ein Feuer. Ein großes Feuer, dessen reinigende Flamme die Verdammnis zerfrisst. Und dann, Männer, lasst uns reiten. Ein letztes Mal. Auf die Pferde! Auf zum letzten Ritt!” Und als die letzte überlebende Einheit der Allianzstreitmacht auf dem mit Blut und Fäulnis durchtränkten Schlachtfeld von Andorhal die Reiterstandarte mit dem strahlenden Siegel der Silberhand von Lodaeron im Licht der brennenden Stadt erhob und den Pferden die Sporen gab, ertönten der Schlachtchoral stolz und klar – ein letztes Mal ?

“Mit gleißend Schild und scharfem Schwert
In Kraft und Glauben unversehrt
Beginnen wir den letzten Streich
Und gehen ein ins Himmelreich”

Hoch die Schwerter! Hoch den Schild!
Fahrt hernieder was es gilt
Und wenn der Feind auch noch so nah
Der Gläubige weilt immerdar!

Dem Mutigen gehört das Rund
Die Höllenschlucht dem räudig Hund
Der Heilige wird ewig sein
In unsrem Rund und in sich verein

Durchs hohe Gras die Pferde reiten
Durch das Tal, durch grüne Weiten
Hoch im Sattel! Stolz im Blick!
Voll Ruhm und Ehre ist’s Geschick

Schläge donnern, Flüche prasseln
Schilde schlagen, Ketten rasseln
Auf die Schwerter! Losgeritten!
Und den letzten Kampf bestritten

Wenn die letzte Lanz’ gebrochen
Und der Feind vom Feld gekrochen
Ist im Sonnenglanz gereiht
Die Templerschaft vom Krieg befreit”

Eine unerwartete Wendung

Dunkelheit umschlang den Krieger. Dann bemerkte er, dass seine Augen geschlossen waren – und dass er lebte. Aber er saß nicht mehr auf dem Rücken seines treuen Pferdes Donnerhuf. Seltsam und ungewollt. Was sollte er denn noch mit seinem Leben anfangen, jetzt,
wo seine Liebste von der Seuche dahingeschlachtet worden, wo Andorhal verloren war? Die Verzweiflung, für einen gnädigen Moment aus seinem Geist verbannt, hielt wieder Einzug und traf den geschwächten Krieger empfindlich. Er stöhnte auf. “Argh”

Eine Stimme, so lieblich, wie er sie noch nie vernommen hatte, vielleicht nur von seiner Liebsten, sprach zu ihm und sagte: “Keine Sorge. Kümmern. Schlaf. Ausruhen. Sicherheit.” Wer sprach hier? War es ein Feind? Der Krieger wollte reflexartig nach seinem Schwert greifen, doch ein Schmerz durchzuckte seine Schulter und trieb ihm Schmerzenstränen in die Augen. Er spürte eine Hand auf seiner Brust. Sie war leicht, sie hatte noch kein Schwert getragen. Dass er sie so deutlich spürte, signalisierte ihm das Fehlen seiner Brustplatte. Er war hilflos. Doch eine Stimme in ihm verschaffte sich Gehör und bestand darauf, den wohlklingenden Worten zu vertrauen. Nandhor verspürte eine Müdigkeit, wie er sie noch nie in seinem Leben gekannt hatte und schon bald schlossen sich seine Augen von allein. Es war sinnlos, dagegen anzukämpfen. Wer immer sich auch in seiner Nähe befand, er war ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das letzte, was er vernahm, erinnerte entfernt an eine Melodie, die er in seiner Kindheit oft gehört hatte. Ohne den Grund zu wissen, bemerkte der Krieger, wie ein Lächeln sich auf seine Lippen schlich. Schon bald schlief er friedlich ein.

Die Gedanken des Erzählers

Die Menschen tun merkwürdige Dinge. Sie geben sich nicht damit ab, dass etwas mächtiger sein könnte als sie. Es reicht ihnen nicht, ein glückliches Leben zu führen. Nein, sie wollen immer mehr und mehr, bis sie irgendwann so hoch hinauf gestiegen sind, dass sie schwindeln. Was folgt, ist der Sturz ins Verderben. Ein tödlicher Sturz für die meisten von ihnen. Die Motivation für solche Taten ist unterschiedlich, deshalb aber nicht weniger erstaunlich. Es mag reine Machthungrigkeit sein, die sie vorantreibt, die ihnen den klaren Verstand nimmt und sie glauben lässt, sie könnten es mit den Göttern, mit der Natur selbst aufnehmen. Welch ein fehlgeleiteter Glaube! Diese Menschen sind schlecht. Sie werden stürzen und wenn sie stürzen, werden sie sich tödlich verletzen. Es gibt aber andere, die nicht das Gold glitzern sehen. Sie sind verzweifelt und erhoffen sich am Ende ihres langen und steinigen Weges Erlösung, vielleicht Vergessen, sicher aber: den Tod. Sie wissen: die Götter herauszufordern bedeutet den Untergang, doch sie verbinden es mit Ehre und Tapferkeit, mit Mut und Stolz. Typische Begriffe für die Menschen und sonderbare dazu. Ich vermag sie nicht nachzuvollziehen, auch, wenn ich am Rande meiner Wahrnehmung begreife, was sie bedeuten mögen. Jene Menschen also, welche sich aus Verzweifelung zu Wahnsinnstaten verführen lassen, werden Hoffnung spüren, wo sie Verderben sehen und Freude, wo Trauer überwiegt. Denn sie können gerettet werden. Ihre Seele ist frei, unbeschwert von Machtgelüsten. Sie trauern um Schicksale, die ihnen selbst oder geliebten Personen widerfahren sind. Sie hadern mit dem Lauf der Welt und mit dem Kreislauf der Natur, welcher unbeirrbar seine Runden zieht, welcher nimmt und gibt, zerstört und errichtet, tötet und belebt. Es ist ein ewiger Lauf und die Dinge fügen sich hier und dort ein. Alle Sterblichen haben diese eine große Gerechtigkeit: dass sie alle irgendwann sterben müssen. Ihr Lebensfunken wird weiter getragen, er wird im Lied der Welt aufgehen und darauf warten, dass er in den Leib eines Lebewesens eingepflanzt werden kann, auf dass sie erneut lebendig werden und über das Angesicht dieser Welt tollen können. Auch der mächtigste Priester der Menschen ist sterblich und der älteste Druide des Inneren Zirkels hat es mit diesem gemein. Ich begreife die Notwendigkeit dieses Kreislaufes und ich lebe danach. Ich bin ein Teil des großen Liedes und werde dereinst wiedergeboren, immer und immer wieder. Es ist der Lauf der Dinge. Es ist das Los der Menschheit, sich immer und immer wieder die Ohren zu verstopfen und für das große Lied unempfindlich zu werden, mit ihrem Schicksal zu hadern und nach den Sternen greifen zu wollen.

Dieser Mensch, den wir am gestrigen Tage auf dem Schlachtfeld vor Andorhal fanden, stand kurz davor, seinen Lebensfunken auszuhauchen. Doch manchmal, wenn das Lied in ihm spielt und wir es hören, dann ist es noch nicht soweit und er darf aufwachen, weil wir ihn retten. Ich weiß nicht, ob es Glück genannt werden kann, ob es diesem Menschen überhaupt etwas bedeutet, dass er weiterleben darf, ob er am Morgen die ersten Strahlen der Sonne grüßt und am Abend entspannt die Augen schließt. Ich habe es nie von ihm erfahren. Ich habe ihn gesund gepflegt. Dann verließ er mich und kehrte nie zurück. Er musste seine Schlacht zu Ende kämpfen, diesen aussichtslosen Kampf gegen die Sterblichkeit, getrieben von Verpflichtung und Anstand, von Ehre und unvorstellbarer Tapferkeit. Es ist ein seltsames Schicksal, das mich mit diesem Paladin zusammenbrachte und mich wieder von ihm trennte. Wer ich bin? Die Stimme des Waldes, ein kleiner Strahl des Lichtes, dass am Anfang die Welt erschuf, ein Wächter der Natur und des Gleichgewichtes. Ich bin ein Elf. Und ich erzähle diese Geschichte für Euch von Nordstern, dem einzigen Paladin, den mein Trupp und ich, wie durch ein Wunder, auf dem zerstörten Todesacker vor Andorhal entdeckten, den ich kennen lernte und der mir tiefen Respekt vor den Überzeugungen der Silberhand einflößte. Ein nobler Mann, ein Held. Nicht wegen seiner Kraft oder seiner Leichtschmiede-Rüste. Es war das, was er im Herzen trug und das, was seinem Geist entsprang. Er hörte das Lied. Ich habe nie mehr einen Menschen getroffen, der das konnte.

Doch sein Kampf, den er bei der aussichtslosen Verteidigung von Andorhal zur Zeit kurz vor Prinz Arthas Fall begann, und bei dem er seine Liebste und seine Mannen verlor, war für ihn noch nicht zu Ende. Dieser Held musste ihn erneut bestreiten. Diesmal kamen die körperlosen Schatten und fleischlosen Bestien nicht aus dem Twisting Nether oder aus den Kornkammern der umliegenden Dörfer. Sie kamen aus seiner Seele, um ihm letztlich das zu nehmen, was ihm neben seinem Mädchen am wichtigsten war: seine Grundsätze und der bewundernswerte, unerschütterliche Glaube an die Kraft des Lichts und der Ordnung. Lasst mich Euch nun mit weinendem Auge und schwerem Herzen berichten, wie Nordstern, treuer Paladin und guter Mensch, seinen Weg zu Ende ging ?

Der letzte Kampf des Nordstern

Am Horizont türmten sich graue Wolken und zogen langsam ins Land hinein. Sie glitten mit ihrer schweren Last die Ausläufer der fernen Berge hinab, dessen Spitzen scheinbar maßlos in den Himmel ragten. Dort oben, viele, viele Tagesmärsche entfernt, donnerte es und grollte unheilvoll. Blitze zuckten, wie kleine, leuchtende Fäden am Firmament und tauchten das Gebirge in gespenstisches Licht. Der Wind heulte droben und pfiff über die Hänge, sang sein einsames Lied, wie die Wölfe es sonst im Hochland taten. Doch die gab es hier nicht mehr. Sie hatten wie alles hier die korrupte Gewalt gespürt, in der sich chaotischer Zorn entlud und die sterbliche Erde heimsuchte – und Leben in einem einzigen Schlag geballter Kraft in Staub verwandelte. Die Gräser des großen Tales hatte das Höllenfeuer gefressen. Was dort im stetig erstarkenden Wind spielte, glich nur mehr kümmerlichen Überresten einer einst so grünen Weide. Die Wälder, die hier gewachsen waren, hatten sich in mit Dornen übersäte Ungetüme verwandelt und ihre knorrigen Äste streckten sich voller Gier, bereit, den Fluch, der über sie gekommen war, mit jedem unvorsichtigen Lebewesen zu teilen. Ihre uralten Stämme loderten vor krankem Hass gegen die Schöpfung – Hass gegen sich selbst, Selbstekel, abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit. Ihre letzten Blätter waren gefallen.

Ein Schwarm pechschwarzer Raben flog hoch oben unter dem blutroten Himmel und ihr Krächzen verhöhnte die unglückseligen Sterblichen, denen die Gunst zu Fliegen versagt war und die auf Füßen, an die verkommene Erde gefesselt, sehen mussten, wo sie blieben. Die Dunkelheit legte sich wie ein bleiernes Tuch über das Land, welches das Blut vieler Helden getrunken hatte. Die Luft schien wie eine giftige Suppe, an deren großen Brocken man sich verschlucken konnte. Und dann – Stille. Ja, es war still geworden. Die verdorbenen Bäume schwiegen, der Wind verebbte und die dornigen Büsche erstarrten Jeden Moment würde der Regen einsetzen. Schon kamen die ersten Wolken nahe, wie riesige Luftschiffe, die jeden Moment ihre tödliche Ladung abfeuern konnten.

“Verfluchtes Mistwetter!”, brüllte eine Gestalt, an einen verfaulten Eichenstamm gelehnt und reckte die behandschuhte Faust gen Himmel. “Ich weiß nicht, was das Licht an mir auszusetzen hat, aber mir kann es auch egal sein. Diese verfluchte Macht! Spielt ihr Spiel mit mir und fragt nicht, ob es mir gefällt. Doch Du sollst ein Spiel geboten bekommen. Oh ja! Ich werde Dich belustigen. Sei aber auf der Hut, denn nach der Belustigung wird die Niederlage folgen. Ich bin stark, ich bin mutig und ich werde siegen. Sieh Dich vor, göttliche Macht! Ich erkläre Dir den Wettstreit! Hat Arthas das nicht auch getan? Was macht schon eine weitere verdorbene Seele, wenn der Nachfolger auf den Königsstuhl von Lodaeron zur Gegenseite überläuft? Ist das Dein Plan gewesen? Wo bist Du, wenn mein Land Dich braucht? Wenn die Silberhand Dich braucht? Wo warst Du, als Uther starb, durch die Hand seines eigenen Schülers?” Die Gestalt konzentrierte sich für einen Moment, stieß dann einen Schrei des Entsetzens aus und stolperte vom Stamm der Eiche fort, in dem ein Schwert mitsamt des dazu gehörigen Menschenarmes steckte. Der Krieger schnallte einen der Handschuhe ab und schleuderte den metallenen Gegenstand den düsteren Wolkentürmen entgegen. Es folgte keine Antwort. “Ha! Das ist typisch für Dich. Du schonst uns nicht und quälst uns noch mit dem Anblick unserer gefallenen Brüder. Ist es nicht Preis genug, dass sie gegangen sind? So viele junge Burschen. So viele tapfere Recken. Ich kannte sie alle. ALLE! Wer bist Du denn, dass wir dies von Dir erleiden müssen? Ich sage es Dir!”

Die Gestalt tat ein paar Schritte vorwärts. Die meisterlich gearbeitete, leuchtende Plattenrüstung, welche seinen sämtlichen Körper bedeckte, schepperte leise. “Lumpiger Scharlatan, jawohl! Siehst Du? Hörst Du mich? Ich bin nicht ängstlich! Ich nehme es mit Dir auf, Du Licht der Welt. Zeige mir doch Deine schreckliche Strafe! Dieses Gewitter soll es sein? Das ist lachhaft! Ich werde es bestehen, ich habe das schon oft gemacht. Es ist eine leichte Übung nach all dem Grauen, der Dunkelheit und der Kälte, die ich erlebt habe. Wo warst Du, als die Toten wandelten, Licht? Wo warst Du, als eine verrottete Bestie meinen Sergeant fraß? Ich verachte Dich!” Die Gestalt spuckte auf den Boden. Dann löste sie ihren mächtigen Schild vom Rücken, stemmte ihn auf die Schultern und trug ihn schließlich über dem Kopf. Auf diese Weise war ein provisorisches Dach geschaffen. “Ich werde die fernen Berge nicht erreichen. Ich werde in diesem Sturm zu Grunde gehen! Du kannst mich nicht aufhalten! Ha! Ich trotze Dir. Ich werde meinen Brüdern folgen, werde ihnen nachfolgen, wo immer sie jetzt auch sind. Sie haben mehr Schneid, als Du!”

Ein Blitz durchzuckte die Dunkelheit und schlug in einen einsamen Baum, spaltete ihn krachend und entfachte ein Feuer. Im selben Moment öffneten sich die Pforten der düsteren Wolken und eine wahre Sinnflut ergoss sich über das gequälte Tal, durchnässte alles in wenigen Augenschlägen und verwandelte den Boden in einen Sumpf. Der Wind setzte erneut ein und blies mit beachtlicher Stärke. “Oho jetzt geht es also los!”, schrie die gerüstete Gestalt und stemmte sich gegen die Böe. “Ist das alles, was Du zu bieten hast, oh edles, mächtiges Licht? Sieh, hier stehe ich. Halte mich auf! Ist dieses Martyrium Deinem Blutdurst einträglich? Wird es Deine finstere Seele versöhnen?” Der Gerüstete begann, durch knietiefen Schlamm zu waten, mit abgestorbenen Pflanzen, die sich zu Schlingen umgewandelt hatten. Das Grundwasser erreichte längst die Erdoberfläche und drang in die Stiefel, die bei jedem Schritt quietschten.

Ein plötzlicher Windstoß fegte den einzigen Schutz der Gestalt hinfort und trug den Schild weit mit sich, scheinbar unbekümmert von der Tatsache, daß er aus mit Eisen beschlagenem Eichenholz bestand. “Argh! Mein treuer Schild! Wie kannst Du mich in dieser düsteren Stunde verlassen?” Der Schrei verlor sich im Unwetter, wurde vom Wind davongetragen und vom Regen verschluckt. “Wehe! Nun stehe ich ohne Schutz da! Doch Du sollst sehen, oh Licht, dass Du meinen Glauben an Dich verwirkt hast. Ich will mit Dir nichts zu tun haben. Dieser Schild beschützte mich vor manchem tödlichen Hiebe. Er war mir ein besserer Freund in düsterer Stunde, als das Stadttor von Andorhal brach und ein Pfeilhagel über uns niederging. Wo warst Du da, oh gütiges Licht?” Ein gewaltiger Donnerhall, einem Kanonenschlag gleich, zerfetzte den Satz und das Herz des Sprechenden sank. Dieser hatte mittlerweile seine Beinschienen verloren, sie waren ihm im Schlamm stecken geblieben. Die Stiefel verwandelten sich in lose Lederfetzen, vollständig aufgeweicht im allgegenwärtigen Nass.

Die Riemen des Helmes hatten ebenfalls ihren Geist aufgegeben und der starke Sturm fegte ihn hinweg. Der einsame Kämpfer inmitten des schrecklichen Unwetters fluchte laut und Tränen der Verzweifelung rannen ihm über die Wangen. “Alas! Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht. Ich werde hier zugrunde gehen! Allas! Welche Urgewalt! So ist es also. So hast Du es gewollt, Du Verwegener, in Deinem Schloss über den Wolken. Sieh mich, sieh mich an!” Bei diesen Worten stotterte der Krieger und ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Das erste, seit der fernen Kindheit. “Sieh! Nun bin ich gebrochen, nun geht es nicht mehr weiter! Ist es das, was Du willst? Bist Du nun zufrieden? Oh meine gute, meine süße, kleine Amalja, Perle meines Herzens. Meine Frau – Du hast sie mir genommen, damals vor Andorhal!” Die Gestalt hatte nun auch ihre Armbeschienung verloren und wenig später musste sie den Brustpanzer ablegen, denn er scheuerte an mehreren Stellen die Haut wund. Schließlich, in einer verzweifelten Geste, reckte der einsame Kämpfer gegen die Naturgewalt seine geschundenen Hände in die Höhe und sprach einen letzen Satz: “Oh güldenes Licht, warum hast Du mir meine Liebste genommen?” Dann sang er auf die Knie und kippte vorn über, während die Welt um ihn herum schwarz wurde. Als sein nobles Antlitz mit einem hässlichen Schmatzen in den Schlamm fuhr, weilte er schon fern von dort.

Epilog

Traumwelten. Geboren zu Fliegen, davon zu fliegen, immer weiter, dem Horizont entgegen, niemals endend, niemals verzeihend, niemals kümmernd, niemals hoffend, gefühllos, gleichgültig und kalt, ein Gott zu sein, ja, Gott, güldene Gewänder, Hallen aus Diamanten, Schlösser aus Topas, Treppen aus Rubin, unermesslicher Schatz, doch was ist das? Schatz – was bedeutet das? Gold – nein, Rubine, Topase, Silber, Edelstein, Brokat, nein, Waffen? Vielleicht, aber da ist Wertvolleres, Tieferes, es verlangt Gefühl, es verlangt Leidenschaft, Sehnsucht, Hoffnung, nicht Kälte, es möchte gehütet werden, es lässt das Herz wild schlagen, es hat leuchtende Augen und seidenes Haar, so weit, so weit, so unendlich weit, und früher: so nah, so lieblich, so fein, so schön, ach – die Zeit – der Feind – die Vergangenheit – der Gegner – die Zukunft – – Gleichgültigkeit, Tod? Vielleicht, warum? Warum nur? Schuld? Nein, keine Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Verdammnis, wie viel kann ein Mensch ertragen? Wie viel ?

In jener Stunde weinten die Drachen und schwiegen die Sterne am Firmament, denn einer ihrer Brüder, dessen sterblicher Name Nandhor war, doch dessen Seele dem Nordstern glich, verschwand vom Angesicht der Erde. Ich entschuldige mich ? dies ist eine traurige Geschichte. Doch auch solche gibt es auf dieser Welt. Sie werden nicht oft erzählt, weil sie niemand gerne hört. Ich erzähle sie dennoch, denn sie müssen weitergegeben werden.

Vielleicht erfreut es, oh geneigter Lesender, Euer Herz ein wenig, wenn ich Euch sage, dass Hauptmann Nandhor, oder Nordstern, wie ich ihn nannte, noch in selbiger Stunde, da er die blauen Augen schloss, seine Liebste wieder fand. Wenn Ihr den Blick gen Firmament wendet und dort einen leuchtenden Stern seht, dann denkt an Nordstern und seinen tapferen Kampf, den er für sich gewann. Ich ehre ihn dafür. Und ich hoffe, Ihr ebenso. Lebt nun wohl. Vielleicht hat Euch diese kleine Geschichte gefallen. Was sie lehrt, das sage ich Euch nicht, denn für jeden unter Euch offenbart sie etwas anderes.