Prolog: Das Land des Blutes

Diese Geschichte beginnt hier, im eisigen Norden, wo schon immer der Krieg geherrscht hatte. Mit eisernem Griff und in Frost gekleidet, genährt mit Blut und der Tod als Krone auf dem grausamen Haupte unterdrückte er das gepeinigte Land. Lange Zeit wurden Schnee und Eis mit dem Blut der Erschlagenen und den Tränen der Witwen benetzt. Schwarz schien jeder Tag und das Licht der Sonne barg keine Wärme. Die Götter hielten sich verborgen und liessen die Stämme des Nordens alleine in der eisigen Kälte, die die Umarmung des Todes mit sich brachte.
Doch auch diese finsteren Tage gingen vorüber, denn eines Tages wurde der Krieg durch den Krieg bezwungen und der Frieden mit dem Schwerte herbeigeführt.
Die alten Legenden berichteten von dem stolzen ersten König des Nordfeuers, der die Stämme unter sich geeinigt hatte und all diejenigen tötete, die ihm nicht gehorchten. Eine brausende Welle der Gewalt strömte über die weiten Schneefelder, doch nachdem der Tod ein letztes Mal seinen blutigen Tribut gefordert hatte, verschwand er aus den Nordlanden und Stille kehrte ein. Das Weinen der Witwen, das Klirren der Schwerter, der stürmische Ruf der Krieger verstummte und ward lange nicht mehr vernommen. Wundervolle zweihundert Jahre wurde keine Schlacht geschlagen und kein Schwert erhoben. Doch nichts dauert ewig, der Hunger des Todes wuchs wieder und er befreite den Krieg erneut, seine Gier mit dem Getöse der Schlacht zu stillen. Nach vielen Generationen des Friedens drohte erneut der Krieg und langsam breitete er sich aus wie die Pest. Dörfer wurden geplündert, Menschen getötet und Felder abgebrannt bevor die grausige Kunde vom stinkenden Hauch des Schlachtens zum dritten König des Nordfeuers vordrang.

Einst war Yelroth glücklich gewesen, doch der Tod hatte ihn bereits berührt und er würde den Gestank des Blutes nie wieder vergessen können. Wie hundert Jahre kam es ihm vor, als der Schrecken über das Land gekommen war, doch nur wenige Jahre waren seit jenem Tage vergangen da der Krieg seinen finsteren Schatten über das Land geworfen hatte.
Einst besass er ein schönes Heim, eine wundervolle Frau namens Asha an seiner Seite und einen Sohn, Yinglie, den sie ihm als Geschenk gebracht hatte in den helleren Tagen, in denen die Pein den Unschuldigen noch nicht auf Schritt und Tritt folgte.
Doch alles verging, und übrig blieben nur Schatten und Staub. Das Dorf war schutzlos gewesen, als die unbekannten Schlächter zusammen mit der Schwärze der Nacht kamen, als die feurigen Pfeile die Schwärze mit loderndem Feuer erhellten und in Strohdächer und ruhende Leiber einschlugen. Schnee schmolz, Leben verging. Das Feuer verschlang in seinem grausigen Hunger jede Hütte, jeden Besitz und jedes Lebewesen, bis schließlich alles dem flammenden Höllensturm anheim gefallen war und damit auch all das, was Yelroth lieb und teuer war. Immer wieder fragte er sich in späteren Zeiten, wieso die Hitze nicht auch ihn verschlungen hatte, wieso er entkommen war, wieso alles was ihm lieb war in Feuer und Rauch hatte vergehen müssen. Das Holz des Hauses war der Scheiterhaufen gewesen, auf welchem die Flammen Frau und Sohn dahingerafft und nichts weiter als Staub und Rauch zurückgelassen hatten.

Nachdem die Mörder verschwunden waren, wanderte der verzweifelte Krieger durch das zerstörte Dorf. Tränen benetzten Yelroths Gesicht, die sich mit Schweiss und Blut vereinigten, seine Hand umklammerte das Schwert, das blutig in der Scheide steckte. Er rief den Namen seiner Frau und seines Sohnes, doch die Toten gaben ihm keine Antwort. Das tosende Feuer übertönte ihre schmerzverzerrten Schreie nach Hilfe und Erlösung, doch niemand erhörte sie. Verzweiflung umgab die Welt und Kälte erfüllte Yelroths Herz.
Er wollte vergehen, sich dem Leben entsagen und ewig im Schoss des ewigen Friedens schlafen. Doch er vermochte es nicht, es war zu früh. Ein starker Wille hinderte ihn und in Schmerz und Zorn erhob er sich aus dem eisigen Schnee uns stand da, wankend und des Lebens müde, schon in seinen jungen Jahren. Ohne dass ihm die Hoffnung ein Licht auf seinen dunklen Weg war, machte er sich auf und verliess sein Dorf. Nie wieder würde er eine wahre Heimat finden, nie wieder würde er Asha sehen, mit der sein Sohn in die Ewigkeit entfloh.
Und so, in düsteren Gedanken versunken, brachte ihn sein Weg in die grosse Stadt, in welcher der dritte König des Nordfeuers herrschte und die Geschicke der Menschen lenkte. In diesen Tagen wuchs der Hass auf die feigen Mörder seiner Frau und seines Sohnes, und um sein Leben seiner Rache zu widmen erlangte er einen Platz in dem Heer des Königs. Der alte Meister und Heerführer Huldot nahm sich Yelroths an und wurde ihm wie ein Vater. Doch obwohl ihm dies Trost spendete, heilte die Zeit die Wunden nicht, doch er hielt weiter an seinem Leben fest und hielt stets Ausschau nach einem Funken der Hoffnung am Horizont, doch die Nacht war zu Dunkel.

1. Erwachende Träume

Geräusche von Musik, Tanz, Spiel und Gesang, stammend aus der Festhalle, drangen bis an Yelroths Ohr, doch weiter kamen sie nicht. Die falsche Fröhlichkeit berührte sein Herz nicht, mit trübem Blick sass er an seinem hölzernen Tische. Er ass altes Brot und trank schweren Wein, während sich vor seinem geistigen Auge die ruhelosen Bilder seines immer wiederkehrenden Traumes bewegten. Seit einigen Jahren lebte er nun schon in des Königs Feste, zusammen mit den anderen hohen Kriegsfürsten dieses Reiches.
Viele Schlachten hatte er gegen die kriegstreibenden Eindringlinge geschlagen und ward mit Sieg und Ruhm belohnt. Doch gleich, wie viele Kämpfe er focht, nichts schwächte und entmutigte ihn mehr als die wiederkehrenden Träume, die Stimmen der Toten. Jede Nacht erwachte er, mit schmerzendem Herze und brennenden Gliedern. Jedesmal berührte er voller Angst sein Gesicht, und jedesmal erkannte er, dass nur Schweiss und Tränen, und kein warmes Blut, seine Haut bedeckte.
In den Nächten spürte er wieder die flammende Hitze, den brennenden Rauch und die Last des Schwertes. Er erblickte den Tod, zwischen den Schatten der Nacht und dem Lichte des Feuers. Und er sah die verbrannten Körper Ashas und Yinglies, liegend im ehemals reinen, weissen Schnee.
Wilde Trommelmusik und sanfte Laute einer Harfe erfüllten die Feste des Königs. Beissende Kälte durchdrang das Zimmer Yelroths, welche auch die warme, fröhliche Musik und das betrunkene Gegröle der Hofleute nicht zu vertreiben vermochten.
Da vernahm er ein dumpfes Pochen von der Türe her. Misstrauisch und widerwillig, da in dunkle Gedanken versunken, erhob er sich vom knarrenden Stuhle und ging langsam zum Tor. Seine Schritte liessen auf dem eisig kalten Steinboden hallende Laute ertönen, der zitternde Schein der brennenden Fackeln liess unruhige Schatten scheinbar zu Musik und Gesang über den Boden tanzen. “Wer wünscht mit mir zu sprechen zu dieser Stunde?”, fragte Yelroth ein wenig ärgerlich durch die geschlossene Türe hindurch. Eine tiefe Stimme antwortete seiner Frage: “Sei gegrüsst, Yelroth! Huldot wünscht eingelassen zu werden. Möge es deine Gastfreundschaft mir gewähren!” Einige Augenblicke herrschte Stille, dann wurde das Tor aufgeschlossen und quietschend schwang es auf.
“Trete ein, Freund!”, sagte Yelroth zu dem betagten Kriegsherren. Unsicher lächelte dieser und betrat den kalten Raum. Zitternd ob der kühlen Luft setzte er sich auf einen Stuhl und verschränkte die Arme vor der Brust. “Die Krieger des Nordens feiern, wieso tust du es ihnen nicht gleich, Yelroth? Du hättest es wahrlich verdient”, sprach Huldot nach kurzem Schweigen. “Die Nacht birgt für mich kein Leben und keine Fröhlichkeit. Nur Schrecken und Tod offenbart mir die Finsternis”, erwiderte Yelroth.
“Peinigt dieser Traum dich noch immer? Hat er dich tatsächlich die ganzen Jahre lang nicht ruhen lassen, Freund?”
“Das hat er in der Tat! Aber ich bin mir sicher, ich irre nicht, wenn ich sage: Du bist nicht aufgrund meiner Verzweiflung hierher gekommen, mein Freund Huldot.”
Der alte Kriegsherr lächelte warm und sagte versöhnlich: “Du bist scharfsinnig wie seit jeher. Der Krieg hat mich zu dir gerufen. Grosse Sorgen plagen mich. Zwar haben wir die einfallenden Südlinge zu besiegen vermocht, doch sie werden wiederkehren. Schon bald werden sie es, und die verschleierte Zukunft flüstert mir nichts über Sieg und Niederlage zu. Ich weiss nicht, ob die stolzen Nordmänner die Südlinge ein weiteres Mal bezwingen können.” Yelroths Blick schien zu brennen und vor Hass zu glühen. “Diese Südlinge töten gnadenlos, brennen Bauerndörfer nieder und erschlagen die Kinder unserer Frauen. Und doch nennen sie uns Barbaren und Wilde! Kein Preis ist zu hoch, diese Menschen abzuschlachten!”
Ruhig wartete Huldot den Ausbruch seines Freundes Wut ab und sprach dann vorsichtig: “Dann vermag der Preis, den dich deine Vergangenheit zu zahlen verpflichtet hat, auch nicht zu hoch sein. Bist du bereit, erneut in die Schlacht zu ziehen wenn der Krieg wieder schwer auf unserem Lande zu lasten beginnt?” “Wahrlich, ich bin bereit, auch wenn ich mich dazu nicht in der Lage fühle. Doch ich werde mein Bestes geben und die Nordlande nie verraten.” “Sicherlich, das wirst du nicht! Selten haben die Nordlande einen grösseren Helden als dich erblickt, mein guter Freund. Du hast dir deinen Platz an der Seite der Götter schon lange zuvor verdient. Und ich bete zu ihnen, dass dort, jenseits von Leben und Tod, Asha und Yinglie auf dich warten werden.” Huldot erhob sich von seinem Stuhle, ging auf den jungen Yelroth zu und umarmte ihn. Dann blickte er ihn noch einmal mit ernstem Gesicht, doch lächelnden Augen an und verliess den Raum ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Das Tor fiel donnernd zu. Als der alte Freund gegangen war, umarmte nun Kälte und Müdigkeit Yelroth.

2. Unruhe

Der alte Huldot begann sich zu sorgen. Tage waren es nun schon her, seit Yelroth das letzte Mal sein Gemach verlassen hatte. An den Abenden sass er nicht mehr mit den anderen scherzend und fröhlich vor der wohltuenden Wärme des knisternden Feuers. Er trat des Morgens nicht mehr nach draussen, damit die kalten, jaulenden Winde seinen Geist weckten. Mehrere Male suchten ihm treue Diener ein Mahl zu überreichen, doch keine Stimme gewährte ihnen Antwort hinter dem verschlossenen Tore. So wagten sie nicht, den Kriegsfürsten zu stören und gingen verwundert und betrübt zu anderen Pflichten über, die ihnen der König des Nordfeuers aufgegeben hatte.

Yelroth lag auf seinem Bette, regungslos, den stummen Blick in weite Ferne gerichtet. In seinem Leib wüteten Qualen, denn dieser musste viele Entbehrungen ertragen. Er dachte nicht an Speis oder Trank. Dunkelheit umgab ihn, Schwäche war in ihm. Er wollte schlafen, er wollte die Ruhe erlangen, doch er konnte nicht. Nicht nocheinmal wollte er die Nacht der Nächte sehen, er musste seine Augen geöffnet halten, um sie vor Feuer und Schatten zu verschliessen.
So Müde war er, keinen klaren Gedanken vermochte er mehr zu fassen. Wie eine atmende Leiche lag er, während Traum und Schlaf ihn umschlichen wie Raubtiere.
Doch war es ein aussichtloser Kampf. Yelroths Augen würden sich schliessen, und sie würden sich in jener Nacht wieder öffnen und sein Blick wird sich nicht von den brennenden Leibern abwenden können. “Nein!”, rief er heiser. Sprang aus dem Bett auf den eisigen Steinboden und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen.
Wankend blieb er stehen, die Finsternis hielt Einzug in den eroberten Körper des Kriegsfürsten. Mit einem verzweifelten Seufzer auf den Lippen stürtzte Yelroth zu Boden, der harte Steinboden schoss immer näher und näher. Schwärze umgab ihn…

Der Erdboden war warm und weich. Langsam schlug Yelroth die Augen auf und erblickte eine weite Wiese, grüne Bäume und blauen Himmel. Weisse Wolken wanderten hoch in den Lüften, leuchtende Blätter flüsterten im leisen Wind. “Wo ist das Feuer? Wo ist der Rauch?”, dachte Yelroth voller Angst und erhob sich zitternd.
Der Wind streichte durch sein Haar und über seine Haut und die weitreichenden Strahlen der Sonne brachten Wärme über das Land. Keine Ähnlichkeit hatte sie mit der brennenden Hitze der einen Nacht. “Ist dies das geheiligte Land der Götter? Wieso wurde ich hierher gebracht?”, fragte der Kriegsfürst, tief berührt von der Schönheit dieses Landes.
Endlich umgab ihn Ruhe und Stille, nur der Wind schien ihm flüsternd Geheimnisse offenbaren zu wollen, das Blätterdach des Waldes raunte ihm verborgene Dinge zu.
Der Wald, er schien wie der Mittelpunkt dieser Welt. Unendlich weites, grünes Grasland zog sich hin bis zum fernen Horizont, dem Licht der Sonne entgegen, und der Wald stand in ihrer Mitte.
Und die Bäume riefen nach Yelroth, so schien es ihm. Also ging er, arglos und frei von Misstrauen, auf diese zu. Er trat unter das grüne Blattwerk, welches das Licht der Sonne fernhielt und alles in schwarz und grau erschienen liess. Kein Getier hauste zwischen diesen Schatten, kein Laut durchbrach die tiefe Stille dieses Ortes. Lange wanderte Yelroth durch die Finsternis, doch selten brach ein Lichtstrahl durch das dichte Blätterdach der hohen, grauen Bäume, der den Weg beleuchtete. Irgendwann standen die Stämme weniger nah beisammen, der Wald lichtete sich. Doch er endete nicht, denn Yelroth trat nun in eine Lichtung. Die Luft duftete nach Kräutern, das leise Plätschern von Wasser erfüllte die Luft.
Eine Quelle trat aus einem Felsbrocken, inmitten der Lichtung. Klares, reines Wasser sprudelte daraus hervor und tränkte Erde und Gras. Staunend und neugierig wie ein Kind ging Yelroth darauf zu, beugte sich über den kleinen See, der sich am Fusse der Quelle gebildet hatte. Die Oberfläche war zittrig und nervös, und Yelroth konnte sein Spiegelbild darin nicht ausmachen. Enttäscht und traurig, obwohl er den Grund dafür nicht zu erkennen vermochte, wollte er sich schon wieder vom Wasser abwenden, als es sich beruhigte. Es glättete sich, wurde regungslos wie das Meer in einer stillen Nacht. Und nun erblickte Yelroth ein Gesicht im Wasser, doch er erschrak fürchterlich und stiess einen kurzen Schrei aus. Es war nicht sein Antlitz, in das er geblickt hatte. Das einer Frau war es gewesen, bleich, mit grauem, langem Haar und goldenen Augen.
Schön war sie, doch auch unheimlich, umhüllt von einem Schleier des Geheimnisvollen. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, ihre Augen waren voller Leben, doch gleichzeitig so fremd und geheimnisvoll wie der Tod. “Weiche nicht zurück, Liebster”, flüsterte die sanfte Stimme der Frau leise. Yelroths pochendes Herz schmerzte, eine überwältigende Ahnung beschlich ihn. Wiederstrebend trat er wieder näher, sah dem Weib im Wasser in die Augen und erkannte sie. Eine Träne lief ihm über das Gesicht. “Asha…”, flüsterte er kraftlos.
Die goldenen Augen der Frau wurden dunkler und trüber, und ihr Lächeln wurde traurig. “Ja, so wurde ich genannt, bevor das Feuer meinen Leib verschlang und der Tod meine Seele zu sich nahm, Yelroth.” Er wollte zu ihr, doch das Wasser trennte sie und er wagte nicht, es zu berühren, aus Angst das zarte Spiegelbild zu zerstören.
“Wo ist Yinglie?”, brachte er mühsam heraus.
“Er ruht noch immer in den Armen der Götter, wo ich ihn verliess, um deinen Weg zu kreuzen.”
“Tiefe Wunden reisst du auf, Asha. Nie hätte ich dich wieder erblicken dürfen, bis die Götter mich an deine Seite holen, am Ende aller Tage”, sagte Yelroth, tiefe Trauer und Schmerz waren ihm ins Gesicht gezeichnet. Seine Hände bebten.
“Doch haben mir die Götter den Weg zu dir gewiesen, mein Liebster. Es war ihr Wunsch und ihr Befehl zugleich.”
“Selbst die Götter sind nicht unfehlbar, und ich bin es noch weniger! Welche Taten soll ich im Namen der Götter vollbringen, Geist meines sorglosen Lebens? Wenn die Macht eines einfachen Sterblichens den Göttern zum Vorteil gereichen kann, so soll mein Schwert ihrem Begehren lauschen und das Blut der Feinde soll die Götter besänftigen!”
“Nein, kein Blut soll die Reinheit des weissen Schnees mehr beflecken und die Leiber der Toten sollen nicht verrotten auf dem Feld des Kampfes. Eine wunderbare Gabe horten die Götter. Sie ist für dich bestimmt, doch ich kann sie dir nicht reichen. Wenn du die Nordlande nicht im Blut der Erschlagenen ertrinken sehen willst, so wandere weiter gen Norden. Ein Feld liegt dort. Jeder hat seinen Namen bereits vernommen. Wenige sind dorthin gekommen und noch weniger sind zurückgekehrt. Dein Ziel ist das Feld des kalten Todes. Doch fürchte dich nicht, wenn du starken Willens bist wirst du diese Hürde überleben und die Gabe annehmen. Nutze sie weise, oder sie wird dir und dem Reich den Untergang bringen.”
Da schwebte ein totes Blatt langsam gen Boden. Yelroth verfolgte seinen Flug, bis es sanft das Wasser berührte, dessen glatte Oberfläche sogleich zu zittern begann. Das Spiegelbild Ashas begann zu beben, verschwamm und verschwand sogleich, Yelroth stand nun einsam im dunklen Walde. Ein verirrter Windeshauch liess die Blätter rauschen, ihr leises Flüstern erfüllte die Luft. “Leb wohl, meine Asha…”, sprach der Krieger atemlos, mit traurigem Blick. Ihm wurde schwindelig, Schwärze legte sich auf seine Augen und sanfte, aber mächtige Hände schienen ihn emporzuheben, weg aus den dunklen Schatten, hinauf in den lichterfüllten Himmel dieser fernen Welt.

3. Flackerndes Feuer

Das Licht des Morgens überflutete den Norden, doch die Wärme blieb fern. Der wilde Sturm, der in der tief in der finsteren Nacht gewütet hatte, war besänftigt. Nur ein sanfter, kühler Wind streifte über das Land, langsam schwebten die letzten Schneeflocken von den ziehenden Wolken herab. Stille umgab die wehrhafte Feste des Königs des Nordfeuers. Einige Wachmänner standen erschöpft mit eisverkrusteten und verwehten Bärten vor den schweren Holztoren und überblickten wenig wachsam das Land. Die Banner ihrer im gefrorenen Boden steckenden Speere flatterten leicht im Winde. Auch in der Feste selbst herrschte Ruhe und Stille. Einige der höheren Krieger sassen dicht zusammen an einem langen Holztisch an dem immer brennenden Feuer der grossen Halle, rieben sich müde die klammen Hände oder assen gebratenes Fleisch und tranken. Nur das Knistern des Feuers durchbrach die Ruhe an diesem Ort. Der Kriegsfürst Brajinir sprach da in die Stille hinein: “Meine Gefährten, habt ihr vernommen, wie es um unseren Freund Yelroth steht? Niemanden lässt er in sein Gemach, nimmt weder Speis noch Trank zu sich. Bestimmt will ich seine Ehre und Achtung nicht verletzen, doch wenn wir etwas zu tun vermögen, sollten wir dies in Betracht ziehen. So sinnlos hat sich noch kein Kriegsfürst zugrunde gerichtet!” Da kam eine Antwort vom Eingang der Halle: “Hüte deine Zunge, Fürst Brajinir! Yelroth wird sich wieder aufrichten, sein Wille vermag mehr als dein Arm.” Es war Huldot, der verärgert zu sein schien, dass die Fürsten in der Halle seinen einstigen Schüler nur mit Zweifel und Mitlied bedachten. Brajinir verzog das Gesicht zu einem herausfordernden, doch etwas unsicheren Grinsen. “Verzeiht, Heerführer Huldot. Ich wollte euch nicht beleidigen, und schon gar nicht Fürst Yelroth! Zu viele ruhmreiche Siege hat er auf dem Schlachtfeld errungen, als dass wir ihn verspotten könnten. Die Götter werden ihn an ihrer Seite wissen wollen, wenn der Tag seines ewigen Abschiedes hier sein wird. Ich will nicht sagen, dass ich von mir das selbe zu berichten imstande bin, Meister.”
Gerade wollte Huldot eine ärgerliche Antwort darauf geben, doch da erfüllte das laute Knarren des grossen Holztores das Gemäuer. Alle Blicke wandten sich nun dem Diener zu, der verunsichert und aufgeregt im Eingang der Hall stand, keuchend nach Luft ringend. “Ihr Herren, Kriegsfürst Yelroth ist verschwunden! Ich fand sein Gemach unbewohnt vor und seine Rüstung und sein Schwert Jilgund befanden sich ebenfalls nicht dort. Das war mir unheimlich, deshalb ging ich von dunklen Gedanken beseelt zu den Ställen und in der Tat fehlte da eines, nämlich Recbnan, das schnellste Ross des Nordens und das Lieblingstier des Königs des Nordfeuers.”
Erstaunte Stille breitete sich in der Halle aus, das Feuer bedeckte die Gesichter der Kriegsfürsten mit zitternden Schatten.
“Oh weh! Welcher Dämon hat von diesem Krieger Besitz ergriffen? In der Nacht ohne Erlaubnis in Kriegszeiten mit dem prächtigen Hengst des Königs fortzureiten kann keine Tat eines vernunftbegabten Mannes sein!”, rief da einer der Kriegsfürsten ratlos und erschrocken.
Huldot blieb lange ruhig, sein trauriger Blick auf das flackernde Feuer gerichtet. Dann sprach er kaum vernehmlich: “Mein ganzes Vertrauen gebührt Yelroth. Seine Gründe sind mir verborgen, doch sicherlich hat er sie.”

Schnee stob auf unter den Hufen des Hengstes Recbnan, die donnernd auf den gefrorenen Boden fuhren wie Hammerschläge. Schreckliche, eisige Kälte begleitete den heulenden Schneesturm, der über das Land fegte. Graue Wolken verhüllten die Sonne und ihr Licht vermochte den Boden nicht zu berühren. Bald würde die Nacht hereinbrechen, und Yelroth war sich bewusst, dass er in tiefer Finsternis und erbitterter Kälte nicht würde weiterreisen können. Kein Unterschlupf war in Sicht, doch Yelroth hoffte, dass er vor Einbruch der Nacht zu den zerklüfteten Felsen käme. Vielleicht würde er dort ohne die Gefahr zu erfrieren ruhen können.
Doch seine Furcht ward nicht von dieser Sache geboren. Das Feld des kalten Todes… Jedem Bewohner der Nordlande war dieser Name bekannt. Nie war man sich sicher, ob es eine Legende sei, eine Sage, oder ob es wahrhaftig ein den Götter geweihter Ort war, hoch im Norden. Da, wo sich nach der Sage nur die Helden begeben, um die Gunst der Götter zu erlangen. Yelroth erinnerte sich noch an die schon lange vergangenen Zeiten als sein Grossvater noch unter den Lebenden geweilt hatte.
In einer düsteren Winternacht hatte er dem jungen Yelroth im unruhigen Schein eines Lagerfeuers die alten Legenden erzählt:
“Nur die wahren Auserwählten und Helden dürfen hoffen, an diesem fürchterlichen Ort ihr Leben nicht zu verlieren. Die meisten tapferen Krieger starben auf diesem Feld, bis ans Ende aller Tage eingeschlossen in hartem Eise, da sie das Wohlwollen der Götter nicht zu erringen vermochten. Doch die Günstlinge der höchsten Wesen wurden belohnt. Mächtige Gaben bekamen sie, diese heldenhaften Recken der Nordlande. Doch seit langer Zeit begab sich niemand mehr zu dem Feld des kalten Todes, denn die starken Krieger werden seltener und die Götter zürnen uns, da wir schwächer geworden sind. Der grosse Magier sagte einst vor ewigen Zeiten, dass niemals mehr ein Wesen diesen geweihten Platz aufsuchen würde und erfüllt vom Glück zurückkehren würde. Und so wird es sein, denn der grosse Magier sprach immer wahr!”
Dies hatte sein Grossvater einst erzählt.
Yelroth vertrieb die unheilvollen Gedanken und richtete seinen Blick wieder in die Gegenwart. Der Schneesturm war dichter geworden. Wie eine weisse, wirbelnde Wand stand sie rund um ihn, riss an seinen Kleidern und trieb die Kälte tief in seine Haut. Tiefe, undurchdringliche Finsternis hatte sich ausgebreitet, selbst der Schnee schien nun von einem dunklen Grau. Ohrenbetäubend jaulte und schrie der Wind, wie in Todesqual, und Yelroth erinnerte sich wiederholt an diese eine Nacht. Die Nacht des Feuers. Sorgen und Kummer erfüllten ihn. während seine Glieder allmählich erstarrten, klamm und unbeweglich wurden. Konnte er diese Aufgabe meistern? Würde er die Prüfung der Götter bestehen? Zweifel an seiner Stärke und an seinem Willen kamen ihm auf. Würde er den Mut finden, das Feld des kalten Todes zu betreten? Was für eine Schande wäre es, zu fliehen! Niemals mehr könnte er sich den Männern des Königs zeigen. Er betete für Mut zu den Göttern. Doch er wusste: Diesen Mut müsste ihm sein Herz schenken, nicht die Macht der Götter.

4. Die zerklüfteten Felsen

In tiefster Nacht fand Yelroth wahrhaftig die zerklüfteten Felsen. Lange kletterte er über das Gestein, geschwächt durch schneidende, lähmende Kälte. Der Sturm wehte ihm beissenden Schnee in Augen, Nase und Mund. Verzweifelt versuchte er nach Atem zu ringen, doch es nötigte ihm immer mehr Kraft ab. Der schwarze Hengst Recbnen wurde an den Zügeln geführt. Ungeschickt, halb gelähmt, durchfroren und durchnässt wankte das Ross dem Krieger nach. Die Hoffnung war vom reissenden Winde weggezerrt worden, der Mut hatte diese Lande verlassen. Der Tod war nahe, irgendwo wartete er, lauernd, grinsend in der Finsternis der eisigen Nacht. Voller Angst, bar jeder Hoffnung tastete Yelroth verzweifelt die spitzen Felsen ab, riss sich die Hände auf, warmes Blut bedeckte seine Haut. Wie ein Blinder war er, verloren und dem Tode geweiht. “Ihr Götter! Verräter der Menschen! Gebietet keinem in eurem treuen Gefolge sich in den Tod zu begeben! Erhört mich, lasst den Menschen die Wärme zukommen die sie verdienen und vernichtet die eisige Kälte!”, rief Yelroth mit letzter Kraft mit erhobenen Händen zum Himmel. “Spottet uns nicht, ihr Hohen!”
Da verlor Yelroth das Gleichgewicht, erschrocken liess er Recbnan los und fiel haltlos hinab. Tiefer in die Finsternis. Schmerzvoll stiess er auf Gestein und Felsen, der Wind schien zu flüstern, leise und enttäuscht. Dann kam die Stille, ihre Macht umgarnte den Krieger und Schwärze legte sich wie ein dickes Leichentuch über seine Augen.

Totenruhe. Kein Laut war da, nichts vernahm sein Ohr. Nur das Rauschen seines eigenen Blutes und sein schwaches Atmen hörte er leise und schwach. Erschrocken schlug er die Lider auf und versuchte sich zu erheben. Schmerzen, Blut. Stöhnend liess er sich wieder zu Boden sinken. Er lag auf dem Rücken, kühles, hartes Gestein spürte er unter seinem gepeinigten Leibe. Dunkelheit umgab ihn, die Luft war stickig und roch schlecht. Fäulnis und Verderbnis, dachte Yelroth. Von einer unbestimmten Furcht erfüllt schloss er wieder die Augen. Er wartete.
Lange rührte er sich nicht, auf dass der Schmerz nicht mehr seinen Weg in die geschundenen Glieder finden würde. Noch war kein Geräusch zu hören, die Finsternis schwieg. Zeit verging, nichts geschah. Irgendwann, Stunden musste vergangen sein, begann Yelroth behutsam seinen Arm zu rühren. Er biss die Zähne zusammen und tat dies mit allen Gliedern, dann zog er sich langsam mit seinen Händen am Gestein hoch und erleichtert erkannte er, dass seine Beine sein Gewicht zu tragen vermochten.
Wo bin ich?, dachte er. Ist dies erneut ein grausamer Scherz der Götter? Oder retteten sie mir das Leben?
Nun erkannte er schwaches Licht, das von oben herabfiel. Nur schwach erhellte es das rote Gestein, als ob die Strahlen der Sonne sich nicht hier unten aufhalten wollten, im Dunkeln, wo das Licht nicht begrüsst wurde. Da begriff Yelroth, was geschehen war. Zu nächtlicher Stunde war er in diese Spalte im zerklüfteten Gestein gefallen und Schnee und Eis lagen nun über dem schmalen Riss im Fels, durch die nur ein schwacher Schimmer der Sonne hindurchdrang. Keine andere Möglichkeit erkennend machte er sich an den mühsamen Aufstieg. Seine Haut an Hand und Beinen wurde fortwährend verletzt, eine blutige Spur hinterliess er an der Wand aus Stein. Keuchend und erschöpft erreichte er schliesslich die vereiste Schneeschicht, die den Ausgang verdeckte. Mit blutigen Händen schlug und quetschte er sich durch die Schicht und endlich drang frische, kühle Luft in seine Lungen. Neuer Mut und Hoffnung kamen mit ihr. Mit letzter Kraft zog er sich hoch und liess sich auf den Boden niederfallen.
Die Natur war auch hier voller Ruhe. Der Wind blies nicht mehr, kein Schnee schwebte hernieder. Eine weisse Wolkenschicht bedeckte den Himmel und verhüllte dessen tiefes Blau. Zum wiederholten Male lag er darnieder. Doch als sich der Schlag seines Herzens beruhigte machte er sich wieder auf den Weg. Der Schnee knirschte sacht unter seinen schweren Schritten. Da erblickte er Recbnan, der auf den Felsen lag, und Schrecken überkam ihn. Erfroren, starr, von Eis und Schnee bedeckt war der treue Hengst des Königs. “Ein böses Zeichen!”, keuchte Yelroth, den traurigen Blick auf den toten Körper gerichtet. “Das Tier des Königs ist von Kälte und Sturm bezwungen worden, und dies ist mein Verschulden!”
Langsam besann er sich wieder, wankte auf Recbnan zu und nahm den Beutel gedörrten Fleisch am Sattel an sich. Dann wandte er sich schnell ab und schickte sich an, die zerklüfteten Felsen zu überqueren. Lang und beschwerlich war dieser Weg, denn obwohl diese Felsen es nicht wert waren, Berg genannt zu werden, waren sie doch teuflisch und vermochten das Auge zu täuschen. Zackige Gesteinsbrocken türmten sich aufeinander, überall konnte ein unachtsamer Wanderer sich die Haut aufreissen oder in eine mörderische Spalte fallen, aus der es kein Entrinnen mehr geben würde. Ab und an erspähte Yelroth blanke, weisse Gebeine, für immer ruhend auf dem Rücken dieser tödlichen Felsen. Schädel, dem Tode scheinbar ins Gesicht grinsend, Überreste von Gliedmassen und einige rostende Waffen lagen zwischen Gestein, Schnee und Eis, Zeit und Wetter hilflos ausgeliefert. Der Krieger versuchte, nicht an die stummen Zeugnisse der lauernden Gefahren und des allgegenwärtigen Todes zu denken, doch fiel es ihm schwer. Vieles würde er nun für einen Feind aus Fleisch und Blut hergeben, denn diese furchteinflössende Stille und dunkle Ahnungen vermochte er nicht zu bekämpfen, weder mit blankem Schwerte noch mit seinem erlöschenden Willen.
Haltlos und verzweifelt ging er seinen entbehrungsreichen Weg, der ihn an die Flucht in dieser feurigen Nacht erinnerte. Sein Herz wurde so schwer wie seine müden Glieder, doch neue Hoffnung erfüllte es gleichzeitig. Besser beissende Kälte als verzehrendes Feuer!, dachte er sich und brachte ein schwaches Lachen zustande, welches ihm die Kraft gab, seinen Pfad weiter zu beschreiten.

5. Blutender Nebel

Als die Sonne bereits wieder sanft den Horizont berührte und ihr feuriges Licht, von blutigem Rot, über das Land schickte, erreichte Yelroth die letzten Ausläufer der tückischen Felsen. Nebel lag über dem Land, rot glühend ob dem flammenden Schein der Sonne. Yelroths scharfer Blick vermochte die blendende Decke des morgendlichen Nebels nicht zu durchdringen, blinder als in Dunkelheit und Schwärze liess er die tückischen Felsen hinter sich und betrat das Ungewisse.
Der dichte, seltsame Nebel schien ohne Bewegung, starr, kalt. Wie Blutdurchtränkte Spinnweben, die auf ihr Opfer warteten. Eine klamme Furcht erfüllte Yelroth, Grabesstille umgab diesen Ort, dieser nebelverhangene, düstere Morgen gebar kein Leben und keinen Laut.
Der Krieger fühlte sich von abschätzenden Blicken betastet, dunkle Augen spähten aus dem grausigen Nebel. Jeden Tag berührten hier Unmengen von kühlen Schneeflocken diese Ebene, doch kein Fuss mehr seit undenkbaren Zeiten. Dieses verlassene Land, im höchsten Norden, schien Yelroth gefährlicher als ein schreckliches Schlachtfeld voller Feinde. Eine Macht wachte hier, und sie zürnte Yelroth für jeden Schritt, den dieser tat. Der Recke begann zu zweifeln, an seinen Gedanken, an seinen Taten. Er hatte einen Traum erlebt, der keiner zu sein gewesen schien, so wirklich war er gewesen! Doch vielleicht hatte er sich geirrt? Möglicherweise wanderte er hier einem Wege entlang, an dessen Ende der Tod lauert, nur weil er einen eindrücklichen Traum in einer düsteren Nacht als Botschaft der Toten und Götter gewertet hatte! Diese Unsicherheit peinigte ihn, schmerzte ihn mehr als tiefe, blutige Schnitte in sein ungeschütztes Fleisch. Sollte er seinem möglichen Schicksal den Rücken kehren und versuchen lebend in seine Heimat zurückzukehren? Drängendes Flüstern meinte er zu vernehmen, kaum hörbar durch die Wand aus rotem Nebel dringend. Mit klopfendem Herzen suchte er die Laute zu verstehen, doch erstarben diese und verschwand tief in diesem Wolkenmeer auf Erden.
Die schweren Schritte Yelroths liessen Eis und Schnee unter seinen Stiefeln knirschen und knacken, laut wie Donnerschläge hallten sie durch die vollkommene Stille.
Die Wächter dieses Ortes werden mich hören!, schoss es dem nordischen Krieger durch den Kopf. Zitternd blieb er stehen und horchte lange. Grabesstille, lauernde Ruhe rings um ihn. Reglos harrte Yelroth aus, wachsam und angespannt. Mit einem heiseren Aufschrei wandte er sich hastig um, als er dachte warmen Atem in seinem Nacken gespürt zu haben. Sein Schwert fuhr scharrend aus der Scheide. Mit weit aufgerissenen Augen und blanker Klinge suchte er nach einem Feind, doch kein lebendes Wesen wandelte in diesem Land. Der Wall aus Nebel schien sich ihm wie ein Heer aus blutigen Geistern drohend zu nähern, feuchte Finger durchdrangen seine Kleidung, Yelroth fühlte kalten Angstschweiss an seiner Haut. Da spürte er die Anwesenheit eines Wesens mit unbändiger Gewissheit.
Verlor er den Verstand? War er dem Wahnsinn unterlegen? Hastige Schritte im Schnee, ein Kichern aus dem Nichts, ein stetes Flüstern.
Mit bebendem Körper rüstete sich Yelroth mit seinem hölzernen Rundschild und wartete noch einige Augenblicke ab. Dann, ohne sich vollends der Furcht hingegeben zu haben, begann er zu laufen so schnell ihn seine Füsse trugen. Nie zurückblickend drang er tiefer in den Nebel ein, doch er wusste nicht, wohin er rannte. Die roten Schleier verschlangen ihn und wollten ihn ewig in Blindheit und Angst halten. Lange suchte Yelroth dem Wesen im Nebel zu entkommen, und irgendwann verstummten die grausigen Laute hinter ihm wahrhaftig. Doch die roten Schleier hatten sich noch nicht gelichtet, also lief der Krieger weiter, bis der Nebel plötzlich zerfetzt und zerrissen wurde, auseinandertrieb und verschwand. Da verschwand auch die letzte Hoffnung. Klar und deutlich sah er das Land bis in weite Ferne. Eine gewaltige, endlose Eiswüste erstreckte sich um ihn so weit das Auge reichte. Kein Anhaltsapunkt ragte aus dem ebenen, schneebedeckten Land hervor, still und reglos lag diese ewige Fläche vor und hinter ihm. Die Sonne stand hoch am Himmel, keine Wolke war da, die die grellen Strahlen der Feuerkugel hätten abhalten können.
Schwer atmend und leise stöhnend fiel Yelroth zu Boden, mit starren, kalten Fingern öffnete er ungeschickt den Beutel, der das getrockneten Fleisch beinhaltete und ass mit knurrendem Magen. Sein wütender Durst wurde mit eisigem Schnee gestillt, der Yelroths Zunge blutig schnitt und betäubte. War diese schmerzhafte Reise eine Prüfung der Götter? Nun war es Yelroth egal, nur ein Wunsch erfüllte sein Denken: Heimzukehren und Tod und Pein seines Lebens auf ewige Zeit zu vergessen.
Da übermannte ihn Schlaf und Müdigkeit. Der Traum kam wieder, und mir ihm die schmerzliche Erinnerung an sein vergangenes, glückliches Leben. Wieder erblickte er Asha und Yinglie, und ihre Mörder, die aus den Schatten traten. Die Menschen aus dem warmen Süden, in prunkvolle Rüstungen gekleidet, von Gier und Überheblichkeit zu Blut und Tod getrieben.
Mit Freude und ohne Gewissen töten sie die Bewohner des Nordens, und denken etwas Gutes zu tun, in dem sie die Wilden zu vertreiben erschlagen suchen.

6. Vorboten des Krieges

Kriegsfürst Brajinir stand ungeduldig vor den Mauern der Feste des Königs. Wachen auf den Wehrgängen hatten ihm zwei Reiter gemeldet, die sich geschwind näherten. Nun erwartete er diese, denn er nahm an, dass es die Späher waren, die er ausgesandt hatte. Der jammernde Wind zerrte ihm am langen, pechschwarzen Haar, und liess es haltlos flattern. Schon vernahm er das hämmernde Geräusch von Pferdehufen, gleich würden sie hier sein. Da kamen sie schon angeritten, sie preschten über das Land, trieben ihre Pferde zu grösster Eile. Brajinir runzelte die Stirn und betrachtete die kommenden Reiter mit Blicken, so beissend und kalt wie der schreiende Wind. Etwas Bedeutendes war geschehen, da war er sich seiner Sache sicher. Nicht lange dauerte es, da standen die Reiter ihm gegenüber, und in der Tat waren es die Späher. Ganz in dickes Bärenfell gekleidet waren sie, ihre Pferde scharrte nervös mit den Hufen.
Der eine Reiter keuchte, Schweiss lief ihm übers Gesicht und nun erblickte Brajinir frisches Blut auf dessen Kleidung und den Pfeil, der aus seiner Brust ragte.
Ohne ein Wort lief der Kriegsfürst zu diesem, zerrte ihn aus dem Sattel und legte ihn auf den schneebedeckten Boden. Der Wind begann zu brüllen, Schnee wurde mit grosser Kraft aufgewirbelt, die Fahnen der Festung schlugen stürmisch hin und her, wie im Todeskampf.
Mit einem Blick wusste Brajinir, der sich über den Verletzten gebeugt hatte, dass es für diesen kein Leben mehr geben würde, nur noch schreckliche Qual und Pein bis zu seinem Tode. Er erhob sich, zog seine Klinge und seufzte schwer. “Dein Ende soll schnell und schmerzlos kommen.”, flüsterte er dem Sterbenden zu, hob das Schwert, liess es auf den Späher niederfahren. Die kalte Klinge trennte ihm den Kopf vom Leibe. Warmes Blut tränkte den Schnee und versickerte darin.
Mit müdem Blick wandte sich Brajinir mit blutigem Schwert dem anderen Späher zu, dessen Gesicht voller Angst und Verwirrung war.
“Was ist geschehen? Wer hat diesem Mann das Verderben gebracht?”, sprach der Kriegsfürst mit mächtiger Stimme.
“Herr! Die Südlinge begehren wieder Blut und Tod. Sie ziehen erneut durch die Lande, die Bauern geben ihnen Speis und Trank, damit sie sie leben lassen, doch die Südlinge vergelten diese Gaben mit Feuer und Schwert, wie wir es schon lange kennen. Unser Sieg über sie scheint sie weder geschwächt noch entmutigt zu haben, denn sie sind viele und ich glaube, ihr Kaiser selbst leitet sie.”
Lange sprach niemand, nur der Wind durchbrach brüllend die bedrückende Stille. Dann brüllte Brajinir, um den Wind zu übertönen: “Der Kaiser reist mit ihnen? Diesen Hochmut werden sie mit ihrem Verderben bezahlen! Wir werden uns ihnen entgegenstellen und nach dem Blutvergiessen werden wir das Haupt des erschlagenen Kaisers auf einen Speer gespiesst durch die Nordlande tragen! Nun geht und überbringe deine Botschaft auch Meister Huldot!”

Mühsam schlug Yelroth die Augen auf, und obwohl er nur kurz geruht hatte, waren all seine Glieder erstarrt vor grausamer Kälte. Der Angstschweiss seiner grausigen Träume war zu Eis geworden, sein Fellmantel haftete stur am Boden, festgefroren. Seine Haut schien gefühllos und taub, seine Muskeln schmerzten bei der kleinsten Bewegung.
Er nahm Kraft und Mut zusammen, dann versuchte er mit einem gewaltigen Ruck aufzustehen. Mit dem Geräusch reissendes Stoffes löste sich seine Kleidung vom Boden, Eis und Schnee fiel ihm aus Bart und Haar. Ein schrecklicher Schmerz fuhr ihm durch seine Arme und Beine, als ob sie zersplittert wären. Ächzend fiel er auf die Knie und blieb so, mit zusammengebissenen Zähnen und schmerzverzerrtem Gesicht.
Der bleiche Schein des Mondes beleuchtete die Dunkelheit der Nacht schwach, sein Totenlicht liess diese Eiswüste unwirklich und gespenstisch aussehen.
Plötzlich lief ein eisiger Schauer über Yelroths Rücken. Er legte seine Hände auf den Boden. Betäubende Kälte drang in seine Finger, doch er schenkte ihr keinerlei Beachtung.
Hastig wischte er den Schnee beiseite, und tatsächlich bestätigte sich seine Vermutung. Unter ihm war kein gefrorener Erdboden, bedeckt mit Schnee, sondern eine gewaltige Eisschicht. Und in dieser lagen die Körper von Toten, kalt, bleich und starr, gefangen im Eis. Voller Grauen erhob sich Yelroth eilig, mit aschfahlem Gesicht. Nun wusste er, wo er sich befand. Dies war das Feld des kalten Todes. Angst erfüllte sein Herz, kalt und starr wurden seine Gedanken. Furcht vor den schrecklichen Göttern, die diese Menschen der Kälte überliessen, weil sie für unwürdig erachtet wurden, überkam den Krieger. Nahe dem Wahnsinn war er da, meinte schon, das eisige Grab an seinem Leibe zu fühlen und die Ewigkeit zusammen mit den kalten Leibern der Toten abzuwarten. Mit geschlossenen Augen begann er zu laufen, wollte weit weg. Er wollte keine Gabe dieser Götter, nichts Gutes könnte sie bewirken. Doch etwas schien sein Bein zu halten, schmerzhaft und hart stürzte er zu Boden, Schwärze legte sich für kurze Zeit über sein Denken, die Welt drehte sich wirr und verdreht. Eine seltsame Ruhe überkam ihn, sein Blick wurde klar, sein Herz schlug leise und sanft.
Erstaunt und frei von Angst sah er auf. Eine Gestalt stand vor ihm, klar und deutlich konnte er sie erkennen, doch schien sie entrückt und unwirklich, als ob sie mit einem Bein in der Welt der Schatten stehen würde. Und vielleicht war es in der Tat so.
Menschenähnlich war das Wesen, doch auch fremd und grausig. Es trug keine Kleidung, ledrige, braune Haut spannte sich über die dürren Knochen. Die Beine waren lang und weit auseinander, der Rumpf kurz und schmächtig. Die Arme waren dünn, doch kraftvoll, seine Hände lang und feingliedrig. Das Haupt des Unheimlichen war ohne Nase, ohne Ohren, kleine Augen starrten von einem inneren Feuer glühend auf Yelroth. Doch das Aussergewöhnlichste war sein Mund, gross, wie ein klaffendes Loch im Antlitz, verzerrt zu einem grässlichen, breiten Grinsen, das keine Zähne offenbarte. Das Gesicht war verzerrt und entstellt, um diesem grausigen, höhnischen Grinsen Platz zu machen. Yelroth rührte sich nicht, atemlos lag er da, unfähig seinen Blick von dem Antlitz des Unheimlichen abzuwenden.
Eine Weile geschah nichts, doch dann legte das Wesen sein Haupt schief, wie ein Hund, der in die Nacht hinein horchte. Das Grinsen blieb, unverändert, als hätte diese düstere Kreatur ihr ganzes Leben damit zugebracht. Ein schauerliches Kichern erfüllte die kalte Luft, die Augen des Wesens begannen in grausigem Feuer zu brennen vor Freude, und diese Flammen warfen Schatten der Furcht auf Yelroths Herz. Da ertönte die Stimme der Gestalt, tief, rau, doch sein weit aufgerissenes, grinsendes Maul rührte sich nicht. Die Laute schienen vom kratzenden Wind getragen zu werden, in Yelroths Gedanken einzudringen und ihn hallend zu erfüllen.
“Warum bist du vor mir geflohen, im blutdurchtränkten Nebel, als der Tag geboren wurde? Wieso bist du mir entflohen, Krieger aus der Kälte, als du meine Finger an deinem Leibe zu spüren glaubtest?” Die Stimme hörte sich traurig und enttäuscht, ja beinahe vorwurfsvoll an, doch das Licht seiner Augen glühte voller unterdrücktem Spott. Ein leises Lachen drang in Yelroths Kopf. Seine Lippen blieben stumm, und noch immer fand er den Mut nicht, sich zu rühren.
“Ein Nordmann willst du sein, mein Freund? Wieso kriechst du dann, wieso legst du deinen Körper zitternd zu Boden wie ein dreckiger Hund?” Fragend musterte er den Krieger vor sich im Schnee. Dann schienen seine Augen geradezu in einer Feuersbrunst aufzugehen, wieder erscholl ein Lachen und er rief, als ob er erst jetzt begriffen hätte: “Ah, du bist derjenige, von dem die Götter mir Kunde brachten! Du willst dich den Gaben der Götter als würdig erweisen, spreche ich wahr, mein Freund? Doch ich sehe deine Würde nicht, wo ist sie hingegangen? Ich frage dich, der du da bebend, voller Furcht und Ungewissheit, keinen Wurm beeindrucken könntest! Die Hohen werden sehr enttäuscht sein von deiner Stärke, wenn ich ihnen berichte, was ich erblickt habe: Einen Mann mit dem Herzen einer Ratte!”
Seine Stimme klang nicht mehr höhnisch, sondern traurig, enttäuscht und auf mitfühlende Weise herablassend, als ob er das Schicksal Yelroths sehr bedauern würde.
Als diese bösen Worte gefallen waren, kehrte gespannte Stille ein, heisser Zorn war Yelroth wie ein Brandmahl ins Gesicht geschrieben, sein Körper verkrampfte sich, stählte sich. Schnell überwand er seine Lähmung, trat einige Schritte zurück und legte die Hand um den Schwertgriff. Rau und rissig war das Leder unter seinen Fingern. Beim Anblick des grausigen Grinsens des dünnen Wesens vor ihm überkam ihn schrecklicher Hass.
“Wer bist du, dass du mich mit solchen Worten belästigst?”, rief Yelroth aufgebracht, mit vor Wut zitternder Stimme. Die Gestalt kicherte böse, dann sprach sie mit beissendem Spott: “Deine bebende Stimme zeugt von Angst, Rattenherz! Doch trotzdem will ich deine Frage nicht unbesprochen in der eisigen Luft ruhen lassen: Von den Götter ausgeschickt wurde ich, um hier an diesem Orte zu wachen und jene mit dem Fluch der Kälte und des Todes zu belegen, die unwürdig sind den Geboten der Hohen zu lauschen. Nicht viele ernteten diese Gunst, den Götter stolz dienen zu dürfen.”
Da erwiderte Yelroth stürmisch, da sein Stolz schwerst getroffen worden war: “Wahrlich, schlecht muss es um die Götter bestellt sein, wenn sie solch Gesindel wie dich in die reinen Nordlande bringen, um ihren Willen zu erfüllen.”
Keine Wut zeigte sich in den Zügen des unheimlichen Wesens, das Grinsen blieb, wie festgefroren.
“Rattenherz, was verstehst du von den grossen Plänen der Hohen? Kein Sterblicher kann diese in ihrem ganzen Ausmasse begreifen, auch wenn sein Leib hundert Leben lang auf Erden zu wandeln vermöchte.”, sprach das Wesen herausfordernd. Dies muss eine Prüfung der Götter sein!, dachte sich Yelroth, der mühsam seinen Zorn zurückhielt. Ich darf meine Hand nicht gegen dieses abscheuliche Ungetüm erheben!
Als ob es die Gedanken des Kriegers erraten hätte sagte das Wesen sanft: “Dein Zorn wächst, doch zücke nicht die Klinge, mich zu richten, Rattenherz! Dies würde deine elende Schwäche deines Willens vor allen offenbaren, denn ich bin unbewaffnet. Töte mich, und du brichst den Kodex der Kriegsfürsten, der besagt keinen Wehrlosen zu verletzen!”

7. Stolz und Blut

Yelroths Wut hatte schliesslich über seine Vernunft gesiegt. Das abgeschlagene Haupt des düsteren Wesens, selbst im Tode grinsend, lag blutüberströmt zu Yelroths Füssen. Reglos lag der tote Leib da, nur in den Augen schien ein finsterer Schimmer noch immer von bösem Leben erfüllt. Wer hatte diesen Kampf wirklich gewonnen?
Beunruhigt und voller Zweifel hob Yelroth seinen Kopf und blickte gen Himmel, als ob er die Götter zornig ob dem erschlagenen Diener auf ihn herniederfahren zu sehen erwartete. Doch noch geschah nichts dergleichen. Genauer gesagt geschah gar nichts, die Welt schien erstarrt zu sein, kalt und reglos lag sie unter Yelroth, als ob sie ängstlich ein drohendes, schicksalträchtiges Ereignis erwartete.
Nach langer Zeit des Wartens, so schien es ihm, übertrat die Welt wieder die Schwelle zur Wirklichkeit. Er fühlte die Kälte wieder, wie sie ihn böse in die Haut biss,
den Wind, der stürmisch durch sein Haar und seine Kleidung fuhr und das grelle Licht der Sonne, gespiegelt vom reinen, weissen Schnee, in seinen Augen.
Und im selben Augenblick spürte er, dass die Entscheidung gefallen war. Ein Gefühl durchdrang ihn, als ob er eines Verbrechens angeklagt worden wäre, das er nicht kannte, und als ob nun ein Urteil über ihn gesprochen wurde, das er nicht ergründen konnte. Eine Macht, auf die Yelroth keinerlei Einfluss ausüben konnte, setzte dessen Schicksal fest. Der Kriegsfürst fühlte sich schwach, verwundbar und hilflos. Was immer die Götter entschieden hatten, es flösste ihm fürchterliches Unbehagen, ja sogar Angst ein. Er fühlte diese eine Nacht, in der die Feuer loderten. So machtlos wie er da gewesen war, so war er es jetzt. Verzweiflung machte sich in ihm breit, ertränkte sein Herz und erlöschte die Flammen des Mutes und der Hoffnung, sie stets immer gebrannt hatten.
Kein stolzer Kriegsfürst war er mehr, als er weinend und verzagend sein Gesicht in den Händen vergrub und in den Schnee sank. Der kalte Wind flüsterte den Namen Asha sanft in seine Ohren, und das Knistern des Eises offenbarte ihm knarrend den Namen Yinglie. Trotz der eisigen Kälte spürte er sengendes Feuer an seinem Leib, die brennende Nacht aus wiederkehrenden Träumen hatte ihn erreicht und verschlungen, wie sie es vor vielen Jahren mit Frau und Sohn getan hatte.
Zitternd und bebend schloss Yelroth die Augen, um alles zu verdrängen. Doch vor seinem geistigen Auge lodert nun ein Wall aus Feuer, die Nacht erhellend in blutrotem Schein. Die Flammen gebaren Bilder und Wissen, die wie eine gewaltige Woge über dem Feuer herniederging, es erstickte und Yelroths Denken hinfortspülte. Die Gabe der Götter tat ihre Wirkung und liess den Krieger in tiefen Träumen und Hitze versinken…

Das Land unter dem bleichen Mond war in drückende Finsternis getaucht. Der Himmel war klar, wolkenlos, die Luft kalt und rein. Grashalme ragten aus der dünnen Schicht des Eises, die den Erdboden bedeckte, ein Wald erstreckte sich weit über das Land. Die Kronen, hoch in den Lüften, waren weiss vom Schnee, der in der Dunkelheit gräulich schien. Ein gewaltiges Lager war auf der grasbewachsenen Hügellandschaft erreichtet worden, hunderte, wenn nicht tausende Zelte erkannte man in der klaren Nacht. Viele waren klein, einige gross, alle beschienen vom Totenlicht der Mitternacht.
Fahnen hingen kraftlos gen Boden, auf ihnen war das schlichte, doch kunstvolle Wappen des Königs des Nordfeuers zu erkennen: Eine leere, weisse Fläche, umschlungen von roten, sich windenden Flammen.
Wie das Feuer das Wappen umgab, so tat es die Stille mit dem Lager. Leises, unterdrücktes Geflüster der Krieger drang aus den Zelten, manchmal bellte ein Hund. Doch von ausserhalb des Heerlagers kam kein Laut, still wie in einer Gruft war es, und auch ebenso kalt und tot. Die Krieger sassen voller Unruhe herum und warteten auf ein Zeichen, gleich, ob es von den Kriegsfürsten, den Göttern oder den Feinden aus dem Süden kommen möge…

Yelroth wurde aus der Umarmung der Schlafes und der Träume befreit. Ruhig und nachdenklich blickte er über die eisigen Ebenen des hohen Nordens und sann über seinen Traum. Sein Herz hatte den Mut wieder kennen gelernt, die Härte des Kriegers erfüllte seinen Leib. Was immer dieser Traum bedeuten sollte, er würde es irgendwann herausfinden. Nun wollte er den langen, gefahrvollen Weg in die Heimat antreten. Nein, keine Heimat, dachte er traurig. Ich habe keine mehr, das Feuer nahm sie mir vor langer Zeit. Aber Freunde habe ich, zu ihnen werde ich gehen. Möge mein Schicksal mich zu ihnen Treiben wie der Wind die Schiffe im Meer…

8. Falsche Heimat

Kühler Regen fiel vom Himmel, schwarze Wolken verhinderten die Sicht auf den untergehenden Mond und die schwach scheinenden Sterne. Bereits färbte der schwacher Schein des Morgens den Horizont rot. Bald würde die Sonne sich erheben und ihr Licht der Welt einen neuen Tag schenken. Die Wache, die mit einem Speer in der Hand und dem Rundschild auf dem Rücken auf den Mauern der Feste des Königs stand, freute sich auf die Wärme, die der neue Tag bringen würde. Die Tränen der Wolken trafen den Helm des Soldaten, das Wasser lief ihm über das Gesicht, wusch Schweiss und Dreck ab.
Die Kälte schlich sich in die Kleidung und nistete sich darin ein, das lange Haar hing ihm nass und kraftlos auf die Schultern.
Da erspähte diese Wache etwas, draussen auf der Ebene. Zu weit weg war es, um es genau erkennen zu können, doch es sah aus wie ein Mensch. Reglos lag dieser im vom Regen nassen, schlammige Schnee. Die Wache wandte sich zu einer anderen um und sprach: “Sieh, dort draussen im Schnee! Was erblicken deine Augen?”
Der andere spähte gespannt mit zusammengekniffenen Augen hinaus. Lange sagte er nichts. Doch dann sah er unsicher zu seinem Freunden und erwiderte: “Ich vermag es nicht mit Bestimmtheit zu sagen, doch ich glaube, dass dies ein Mensch ist. Bleibe auf deinem Posten, ich mache mich auf, diesen seltsamen Fund zu melden.”

Sonne und Mond kamen und gingen, warfen ihr Licht auf Yelroths Weg. Umherirrend und zweifelnd suchte er in sein Land zu gelangen, doch weder der rote Schein der Morgensonne noch das Totenlicht der Mitternacht erleichterten ihm seine Suche. Doch auch ohne ihre Hilfe fand er endlich sein Ziel.
Seit Tagen hatte er nichts mehr gegessen, sein Geist regte sich nur noch schwach und träge. Als er nach langer Reise durch Schneestürme, Gebirge und Eiswüsten da in der Ferne die Feste seines Königs erblickte, spürte er, wie eine schwere Last von seinem Herzen gehoben wurde. Nun wusste er, dass er die Gabe der Götter, aus welchen Gründe auch immer, nicht vergebens erhalten hatte. Erleichtert schloss er die Augen, und schoben sich auch schon Müdigkeit und Krankheit über seinen Geist und er fiel in tiefen, ruhigen Schlaf.

Er sah verschwommen, wie durch dichten Nebel, wieder das Heerlager. Es war dasselbe wie jenes, welches ihm schon vor einiger Zeit begegnet war, im Traume. Und doch war es nicht gleich. Etwas hatte sich verändert. Die Luft stank nach Tod, Unruhe und Furcht kroch in die Herzen der Soldaten.
Wenn man genau hinhörte, konnte man das ängstliche Geflüster aus den Zelten vernehmen. Es war wieder tiefe Nacht, doch bestimmt an einem anderen Tag. Dunkel und trübe schien alles, eine dichte, pechschwarze Wolkendecke blickte missgünstig auf das Heerlager hernieder und liess nur den bleichen Schein des Mondes durch ihre Haut.
Wenige Menschen waren ausserhalb der Ruheplätze in den Zelten, das waren Wachen, wie es den Anschein hatte. Äusserlich gefasst waren ihre Gesichter, doch spiegelte sich in ihnen Zweifel und Unruhe. Immerwieder schauten sie sich nervös und mit angespannter Miene um. Vorallem das Lager hinter ihnen liessen sie nicht aus den Augen, als ob Gefahr von ihm ausgehen würde. Und nun offenbarte sich der Tod, der hier sein Unwesen getrieben hatte. Schwer und träge lichtete sich der Nebel, ein wenig abseits des Lagers lag ein toter Leib. Über einen Baumstumpf lag er, die Hände mit Stricken hinter dem Rücken gebunden. Ein Pfeil steckte ihm im Bein, das Haupt fehlte ihm. Dieses lag abgeschlagen einige Schritte entfernt, im blutdurchtränkten Schnee, das Gesicht nach unten gekehrt. Auch der Baumstumpf war über und über besudelt. Yelroth versuchte zu erkennen, wer dies war, doch der Nebel kam wieder, wurde dichter und bösartig. Er verschlang alles, den Enthaupteten, das Heerlager, die Wolken und den Mond…

Licht und Wärme kamen und Yelroth erwachte. Er spürte, das er auf einem Bett lag und das überraschte ihn.
Da öffnete er die Augen, langsam und widerwillig, als ob er aus schönen Träumen gerissen worden wäre. Jemand schien sich über ihn zu beugen, und dessen besorgter Blick wandelte sich sofort und zeugte von grosser Erleichterung. Es war Huldot, der alte Meister und Heerführer des Königs des Nordfeuers. Auch erkannte Yelroth, dass er sich in seinem Zimmer in der Feste des Königs befand. Da sprach Huldot mit zitternder, froher Stimme: “Yelroth, mein Sohn! Ich dachte schon, dich erst im Land der Toten wieder zu sehen, doch diese Befürchtungen haben sich als unsinnig erwiesen.” Ein schwaches Lächeln huschte über Yelroths Lippen und er sprach mit müder, rauer Stimme: “Ich bin nicht dein Sohn, doch ich fühle mich geehrt, dass du mich als solch einer ansiehst. Was ist geschehen? Wie gelangte ich hierhin?”
“Zufall oder der Wille der Hohen haben dich aus der Kälte gerettet. Eine Wache erspähte dich und überbrachte mir eilends diese Botschaft. Der Tod hat schon seine kalten Klauen nacht dir ausgestreckt und das Leben aus dir gescheucht, als wir dich fanden, auf dem gefrorenen Boden, schneebedeckt und ohne Bewusstsein.”
Da schaute der alte Meister finster und trübselig und fragte leise, damit die Wachen im Hintergrund es nicht hören konnten:
“Der König zürnt dir, da du sein Pferd verloren hast und die Kriegsfürsten treiben bösen Spott auf deine Kosten. Sie denken, du hättest dich dem Irrsinn leichtfertig hingegeben. Willst du mir den Grund deiner Reise offenbaren, Freund?”
“Nein.”, sprach Yelroth nur, denn er fürchtete, auch sein alter Freund könne ihn für dem Wahnsinn verfallen halten. Sichtlich enttäuscht richtete sich Huldot auf, doch dann lächelte er traurig. “Du wirst einen Grund gehabt haben, auf diese seltsame Reise zu gehen. Und ebenso wirst du einen Grund haben, mir diesen nicht mitzuteilen.” Er schritt langsam zum Fenster, nur die Finsternis war draussen zu sehen, durchsetzt mit funkelnden Sternen. Er seufzte leise. “Die Nacht ist alt. Versuche Ruhe zu finden. Während deiner Abwesenheit ist vieles geschehen, auch Böses. Im Morgengrauen wirst du dies erfahren, doch nicht jetzt.”
Der Alte ging, nur Stille blieb. Doch in dieser fand Yelroth lange keinen Schlaf, ein Schatten war auf seinen Geist gefallen, der ihn betrübte und seiner Freude bestahl.

9. Schatten des Wahnsinns

Als Müdigkeit die Unruhe doch bezwang, bescherte sie ihm einen tiefen, traumlosen Schlaf. Seit langem peinigte ihn weder die brennende Nacht noch die seltsamen Bilder, die er zu verstehen nicht in der Lage war. Endlich hatte er seine Ruhe, sie wärmte und heilte ihn. Doch bevor die ersten Strahlen der Morgensonne durch das schmale Fenster zu ihm ins Zimmer drangen und den kalten Stein seines Zimmers zu erwärmen versuchten, wurde er von sanfter, doch bestimmter Hand geweckt.
Mit grossem Erstaunen erkannte er den Kriegsfürsten Brajinir, der mit von Sorge beschattetem Gesicht auf ihn hernieder blickte.
“Fürst Brajinir? Wieso stört ihr meine ersehnte Ruhe?”, fragte Yelroth mit nun wacher, ein wenig ärgerlicher Stimme.
Brajinir erwiderte kalt: “Ihr seht mir wieder gesund aus. Der Tod ist aus euren Knochen gekrochen und das Leben haltet nun wieder Einzug in euren Leib. Und wahrlich ist es kein geringer Anlass, weswegen ich euch so grob aus dem Schlaf gerissen habe. Huldot ward zum König gerufen. Nach langem, geheimen Gespräch soll nun ein Beschluss feststehen, den Huldot uns Fürsten in der Festhalle offenbaren will.”
Yelroth wurde misstrauisch, eine dunkle Vorahnung kam ihm in den Sinn. “Für welche Sache sind sie zu einem Beschluss gelangt, Fürst Brajinir?” Unschlüssig dachte dieser nach, dann sprach er widerwillig: “Das werdet ihr in Kürze erfahren, mein Freund. Zieht euch an und folgt mir!”

Wie immer erhellte ein flackerndes Feuer die Halle, und die furchtbare Hitze der einen Nacht drang erneut in Yelroths Gedanken, doch er verdrängte sie hastig.
Am gewaltigen, langen Holztisch sassen alle Fürsten dieser Feste. Alle schwiegen sie, alle waren ernst und angespannt. Weder Speis noch Trank wurde angerührt, obwohl sie verführerisch in Krügen und auf grossen Platten und Tellern da lagen. Seltsame Schatten huschten über die Gesichter, die groben Säulen und die kalten Bodenplatten. Brajinir setzte sich auf einen der freien Stühle und sprach nichts, sogar dieser sonst aufbrausende und unruhige Fürst wartete in aller Stille auf die Botschaft. Yelroth stand, gegen eine Säule gelehnt, als sein Meister Huldot mir bekümmertem Gesicht eintrat und sich zu dem Tisch begab. Sein Blick traf den Yelroths, und der Fürst erblickte die Traurigkeit tief in den Augen des Alten. Alle Aufmerksamkeit richtete sich nun nur noch auf Huldot, der sogleich zu sprechen begann: “Wir ziehen in den Krieg, ihr Fürsten der Nordlande!”
Unruhiges Geflüster und Geraune unterbrach da die Rede des alten Meisters, doch dieser schien verärgert und beendete die Gespräche mit einer knappen Geste.
“Wir müssen erneut Blut vergiessen, eine andere Möglichkeit haben die Götter uns nicht gegönnt. Die Südlinge, die so sehr von unserer Schwäche und Minderwertigkeit überzeugt sind, wollen unser Land. Doch natürlich werden wir es ihnen nicht überlassen! Späher haben von einem Heer gesprochen, welches sich langsam gen Norden bewegt, brandschatzend und mordend. In den nächsten Tagen werden wir unsere Streitmacht zusammentragen, danach marschieren wir den Mördern aus dem Süden entgegen. Wir werden in den grünen Hügeln lagern, den grossen Wald in der Flanke. Baum und Hügel schenken uns Deckung genug. Die Südlinge kennen unser Land nicht, sie werden müde und überrascht sein, wenn sie uns erblicken. Ihr König reitet mit ihnen in die Schlacht, und wir werden dafür sorgen, dass es sein letzter Ritt ist!”
Niemand sagte etwas, alle schienen in ihren Gedanken versunken. Nur das Knistern des Feuers durchbrach die Stille, glühende Funken stoben durch die Luft, als der Wind durch die Fenster in die Halle drang, leise flüsternd und raunend.
“Wer leitet das Heer?”, fragte Yelroth nach längerem Schweigen.
Huldot sah ihm nicht in die Augen, doch er erwiderte: “Ich wurde mit dieser schweren Bürde betraut, als Heerführer des Königs. Doch zwei Kriegsfürsten werden mich begleiten, nämlich du, Yelroth und ihr, junger Fürst Brajinir. Das ist der Wille des Königs.”
Erneut schienen die Fürsten aufgebracht, doch diesmal unterbrach Huldot sie nicht. Er hatte damit gerechnet. Selbst der König war wütend geworden, als der alte Huldot ihm vorschlug, Fürst Yelroth als einer der drei Führer zu wählen. Schliesslich galt der junge Krieger seit einiger Zeit als verrückt, da seine seltsame Reise Fragen aufgeworfen hatte, die von niemandem ausser ihm beantwortet werden konnten, und er war verschlossen und eigenartig geworden seit seiner Rückkehr. Der König wollte seine Krieger nicht einem Mann anvertrauen, der dem Wahnsinn verfallen schien. Doch nach langem Streitgespräch gab der König nach, schliesslich war der alte Huldot ein erfahrener Heerführer. Dieselben Zweifel, wie der König sie hatte, schienen nun die Kriegsfürsten zu plagen.
Yelroth erriet die Gründe dieser Missbilligung sehr wohl, und Zorn überkam ihn, da sein Stolz verletzt wurde. Fürst Brajinir richtete das Wort nun an alle und rief mit lauter Stimme: “Dankbar bin ich zwar für das Vertrauen, dass mir entgegengebracht wird. Doch trotzdem wird mein Stolz verletzt, da ein Wahnsinniger über das Heer dieselbe Gewalt hat wie ich.”
Brajinir lächelte schwach, doch die anderen Fürsten schwiegen betroffen und blickten still gen Boden, da einer der ihren ausgesprochen hatte, was sie nur zu denken gewagt hatten. Unglauben und Wut spiegelten sich in Huldots Gesicht wieder. Doch bevor dieser etwas auf diesen bösartigen Spruch Brajinirs erwidern konnte, war Yelroth vorgetreten. Nie gespürte Wut tobte in seinem Leib, seine Hand umschloss den ledernen Schwertgriff mit strenger Härte.
Eine dunkle Stimme, stammend aus seinem tiefsten Innern, flüsterte in seinen Gedanken:
“Yelroth, dieser Hundesohn hat deinen Stolz und deine Ehre befleckt! Erinnerst du dich, was du mit dem grinsenden Ding getan hast, auf dem Feld des kalten Todes, als es dich als Rattenherz bezeichnete? Zücke deine Klinge und vollbringe dasselbe an diesem Brajinir, denn er ist wehrlos und du hast deine Waffe bei dir!”
Doch da verstummte die grausige Stimme, und Furcht vor sich selbst überkam Yelroth. Hastig verdrängte er die Erinnerung an diesen gewaltsamen Wunsch, den er verspürt hatte und wandte sich Brajinir zu. Er liess den Schwertgriff los und wies mit seiner Hand anklagend auf den hochmütigen Fürsten.
“Ich weiss, ihr glaubt der Wahnsinn, der mich seit dem Tode meiner Familie verfolgte, habe mich erreicht. Doch so ist es nicht! Erinnert euch den Siege, die ich den Nordlanden schenkte! Euer Misstrauen mir gegenüber scheint mir berechtigt, doch ich werde mich der Verantwortung, die mir zuteil wurde, als würdig erweisen.” Mit flammendem Herzen wandte er sich ab und zog sich mit zornigen Gedanken in sein Zimmer zurück, ohne die Antwort Brajinirs abzuwarten.
Der Wind begann zu heulen und zu brüllen, als wieder Stille im Schloss einkehrte.

10. Aufbruch

Die Tage gingen, Krieger kamen. Immer wieder trafen kleine Gruppen in der Feste ein, Speere, Schwerter, Äxte und Bögen tragend. Yelroth beobachtete ihre Ankunft, aus dem Fenster blickend. Er verliess nur selten sein Zimmer, meist sass er auf einem Stuhl und sann über das Blutvergiessen, welches in wenigen Tagen seinen Lauf nehmen würde. Er wusste, dass der böse Verdacht der Kriegsfürsten sich härten würde, ob der Tatsache, dass Yelroth sich in seinem Zimmer zu verstecken schien. Doch es war ihm nun gleichgültig. Er selbst war sich nicht sicher, ob der Wahnsinn in seinem Haupt nistete oder nicht.
Diese Gedanken schmerzten ihn sehr, doch trotzdem vermochte er sie nicht abzuschütteln, sie blieben, drohend und unheilverkündend. Wie konnte er sich sicher sein?
Was sollte er tun, in diesen Tagen? Wenn er vom Wahne befallen war, so gefährdete er seine Soldaten. Doch wenn er im Recht wäre und die Götter ihn auserwählt haben, so ruhte auf ihm eine schreckliche Last, trotz oder gerade wegen diesen Träumen, die er für eine Gabe hielt. Wieso liessen ihn die Hohen so in Zwietracht mit sich selbst? Innerlich entzweit, gespalten musste er seine Entscheidungen treffen. Werden sie Glück oder Leid über die Nordlande bringen? Vieles würde in den nächsten Tagen von ihnen abhängen, nichts war gewiss.
“Möge ich richtig handeln im Kriege, auf dass ich gespalten in den Kampf ziehe und geheilt wieder daraus hervortrete!”

Und eines Tages war es dann s