In letzter Zeit liest man überall, dass die Spieler unzufrieden sind mit dem High-Lvl Content für Casual Gamer, dass das PvP System schlecht ist und dass die Hardcore-Zocker nach BWL keine Ziele mehr haben. Ich möchte das einfach mal aufgreifen um den Sinn eines MMO überhaupt zu hinterfragen. Ich glaube viele Spieler gehen ein MMO an wie ein Singleplayer-Spiel. Ihr Spielziel liegt darin ihren Char möglichst schnell voran zu bringen und zum Über-Char auszurüsten. Liegt denn aber der Sinn eines MMO eigentlich nicht in dem einzigen Feature, das ich in einem Singleplayer-Spiel nicht habe? Die Möglichkeit mit Freunden zusammen zu spielen, ja sogar neue Freunde kennenzulernen? Ich spiele jetzt seit über zehn Jahren MMOs und ich habe in dieser Zeit einige richtige Freunde ingame kennengelernt, die ich nun auch im RL hin und wieder treffe. Klar geht das nicht oft, aber einmal im Jahr kann man auch 400km überbrücken um sich zu treffen. Ansonsten sieht man sich ja fast täglich im Spiel und dank Teamspeak kann man sich sogar dabei richtig unterhalten.

Als ich mit WoW anfing habe ich mit drei Freunden zusammen angefangen. Zwei davon hatte ich gar nicht solange davor in Horizons kennen gelernt und der andere ist mein ältester Online-Freund, den ich bereits seit UO-Zeiten kenne. Er hatte damals Horizons nicht mitgespielt, aber wir haben uns trotzdem nie aus den Augen verloren und als WoW startete war für uns klar, dass wir wieder zusammen spielen werden. Wir haben alle unsere Chars auf 60 gebracht und standen dann vor dem Problem, was nun tun, denn zu dem Zeitpunkt gab es noch nicht so viele 60er und selbst eine Random Gruppe zu finden war für uns sehr schwer, weil wir zwei Paladine hatten und die gab es zu der Zeit im Überfluss. Also haben wir das Instanzen-Raiden erstmal gelassen. Mittlerweile hatten sich auch weitere Spieler eingefunden die wir aus anderen MMOs kannten und unsere sehr kleine Gilde wuchs. Wir haben dann alle einen neuen Char angefangen, diesmal geziehlt auf Gruppenbildung ausgelegt und nach weiteren drei Monaten hatten wir eine super 5er Gruppe zusammen, die alleine alle Instanzen (ausser UBRS) schaffen konnte. Wir haben alle Instanzen zigmal gemacht alleine um die Quests alle zu schaffen, aber wir hatten dabei nie Langeweile, weil wir immer unter Freunden waren.

Mir fällt dazu spontan mein Vater ein. Der geht seit nun mehr über 45 Jahren jeden Dienstag Abend mit den gleichen vier Freunden Skat spielen. Eigentlich sollte man doch annehmen, dass einem das Spiel dann irgendwann langweilig wird, genau wie den Leuten Scholo/Strat etc. langweilig wird. Aber dem ist nicht so. Und warum? Weil sie eben unter Freunden sind und immer was zu reden haben, zusammen lachen und schimpfen. Das Spiel selber ist nur eine unterhaltsame Nebensache. Ob sie jetzt Skat spielen, Kegeln oder Hallenhalma spielen würden, wäre glaub ich total egal.

Genauso geht es uns auch. Wir helfen den Nachzüglern der Gilde ihre Tier0 Sets zu bekommen. Ist ja kein Problem. Wir fünf schaffen die Instanz ja alleine, wenn wir also noch welche dazu nehmen kann es nur leichter werden. Und auch das macht einen Mörderspaß zu sehen wie sich der Neue dann über sein erstes Setteil freut.

Dazu das krasse Gegenbeispiel: Letztens hat mich jemand gefragt ob ich nicht mit nach MC wolle, ihnen fehle gerade noch ein Krieger. Ich sagte: “Danke, aber ich gehe gleich mit der Gilde nach Strat”. Daraufhin kam: “Aber MC ist doch viel lustiger als so ein langweiliger Gildenraid nach Strat”. Da frage ich mich wirklich, ist das sein Ernst? Warum soll ich mit 39 fremden Leuten, denen ich vollkommen egal bin und die alle nur ihre Items wollen, nach MC gehen, wenn ich mit meinen Freunden zusammen nach Strat gehen kann, wo sich jeder freut wenn irgendein brauchbares Teil dropt. Egal ob er es brauchen kann oder ein anderer.

Das ganze wäre so, als wenn ich mich mit Freunden verabredet habe das Fussball-Weltmeisterschafts-Endspiel in der Kneipe vorm Fernsehen anzusehen und plötzlich ruft mich ein Gewinnspiel an und sagt: “Herzlichen Glückwunsch. Sie haben eine Eintrittskarte zum Endspiel gewonnen”. Ja was soll ich denn alleine unter 50.000 Fremden Menschen im Stadion, wenn ich niemanden habe mit dem ich meine Begeisterung teilen kann?

Obwohl ich mittlerweile sicherlich die optimale Ausrüstung für einen Krieger habe, die man bekommen kann ohne MC/BWL zu gehen, macht es mir immer wieder Spaß einen Tribut-Run zu machen. Oder mit einem Freund loszuziehen ihm ein Setteil zu besorgen. Und es wachsen auch ständig neue Spieler nach, denen man helfen kann und wo es Spaß macht zu sehen, wie die sich freuen wenn sie was Tolles bekommen.

Ich denke das wichtigste im Leben ist echte Freundschaft. Und das sollte in einem MMO genauso sein. Denn wenn man nicht alleine ist, dann hat man auch keine Langeweile. Dann kann man sich sogar mal einen Abend in die Taverne setzen und nur quatschen.

Aber in der heutigen Gesellschaft scheint das vollkommen unmodern zu sein Freunde zu haben. Jeder sucht nur seinen eigenen Vorteil, Ellenbogen raus und los. Das spiegelt sich auch in den MMOs von heute wieder. Große Raids gehen nicht ohne DKP Systeme. Warum eigentlich nicht? Warum kann man, wenn ein Teil dropt, nicht einfach schaun, wem dieses Teil am meisten bringt und dann ihm geben? Warum freuen sich die anderen dann nicht für den Gewinner, sondern sind stinksauer? Hier liegt meiner Meinung nach das große Problem. Jeder nur Ich, Ich, Ich.

Ich bin froh, dass ich nach nun einjähriger Spielzeit in WoW, die Zeit mit richtig guten Freunden verbringen kann, dass wir uns nichts neiden und jeder sich für den anderen freuen kann. Und wir sind mittlerweile schon über zehn Spieler, die so denken und handeln, und ich hoffe, dass wir noch den einen oder anderen finden werden, der ebenso zu uns passt wie er ist und wie wir sind.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein gutes, gesundes und vielleicht auch etwas nachdenkliches neues Jahr.

Thallius,
Krieger vom Rat der Grauen auf Gilneas