Prolog

Joran blickte hinunter auf die Stadt, in der er fast sein ganzes Leben verbracht hatte. Für jemanden, der nicht so gute Augen wie er hatte, lag die Stadt ruhig am Fuß des Hügels. Doch er sah mehr. Er sah die unzähligen Truppen der Verlassenen, die durch die Straßen patrouillierte, sah die Monstrositäten, die mit ihren aufgeplatzten Bäuchen die Stadt besudelten. Joran konnte den Anblick kaum ertragen.

Solang er denken konnte, wollte er nur raus aus der Stadt und die Welt erkunden. Doch sie in den Händen der untoten Eindringlinge zu sehen, ließ eine unfassbare Wut in seinem Inneren aufsteigen. Eine unmenschliche, bestialische Wut, die er bis vor einigen Tagen noch gar nicht kannte. Ein tiefes Grollen entfuhr seiner Kehle und er schwor sich, seine neu gewonnene Kraft für die Befreiung seiner Stadt einzusetzen.

Er ballte seine Klauen zur Faust. Die Krallen, bohrten sich in seine Handflächen, bis das Blut durch seine Finger rann. Er spürte jedoch keinen Schmerz. Die rasende Wut tötete jegliches Gefühl seines Körpers. Als er sich vom Anblick Gilneas abwenden konnte, lies er die vergangenen Tage nochmal vor seinem inneren Auge Revue passieren.

Der Angriff aus dem Hinterhalt

Wie an den meisten Tagen, erwachte Joran, als die Sonne bereits untergegangen war. Anders als bei den meisten Bewohnern der Stadt, erforderte sein Tagewerk die Dunkelheit der Nacht. Langsam setzte er sich auf, stellte beide Füße auf den Boden und kratzte sich seine braunen, kinnlangen Haare, die ihm wild von seinem Kopf herab hingen. Mit wackligen Beinen stand er auf und wankte noch schlaftrunken zum hölzernen Hocker, auf dem er seine Sachen abgelegt hatte. Langsam zog er seine dunkle Kluft an. Eine schwarze Lederhose, sein graues Hemd aus grober Wolle und eine schwarze Lederweste.

Auf der kleinen Kommode rechts von ihm lag sein Handwerkszeug. Dietriche, diverse Schlingen, seine Kletterhaken und den großen langen Dolch, den er sich in seinen Gürtel schob. All das waren die Werkzeuge eines Einbrechers und Diebes. Jorans Meinung nach, war er sogar einer der besten Einbrecher und Diebe der Stadt, wenn nicht der Beste. Es gab keine Nacht, in der er ohne Beute nach Hause kam. Oft war es nicht viel, aber es reichte um zu überleben. Ab und zu konnte er sich sogar den ein oder anderen Luxus gönnen.

Er machte noch ein paar Dehnübungen, um seine kalten Muskeln etwas zu lockern. In einer fließenden Bewegung drehte er sich danach um 90 Grad und stürzte auf das offene Fenster am anderen Ende des Raumes zu. Mit einem Satz sprang er auf das Fensterbrett und stieß sich mit aller Kraft davon fort. Er segelte über die schmale Gasse vor seinem Haus und landete mit einem Bein auf der schmiedeeisernen Halterung des Tavernenschildes gegenüber. Von da zog er sich an der Dachkante über ihm nach oben.


In geduckter Haltung schlich er sich langsam zum First der Taverne. Nun konnte er über einen Großteil der Dächer von Gilneas blicken. Aus einigen der Schornsteine kräuselte sich der Rauch. Zu seiner Linken konnte er die hohen Gefängnismauern ausmachen. Es fröstelte ihn. Er hatte sich geschworen nie wieder dorthin zu müssen und wenn es seinen Tod bedeuten würde. Joran machte sich Gedanken, wohin er sich als Erstes wenden sollte, doch langsam kroch ein dumpfes Gefühl von seiner Magengegend in Richtung Kehle.

Irgendetwas stimmte hier nicht und sein Gefühl hatte ihn schon oft vor bösen Überraschungen bewahrt. Sei es nun der Dolchstoß eines seiner bestohlenen Opfer oder auch der Ergreifung durch die Stadtwachen, die es auf seinen Kopf abgesehen hatten. Er lauschte noch angestrengter, aber da war … nichts! Keine Betrunkenen, die durch die Gassen wankten, lallten und grölten, keine Stadtwachen, die durch die Straßen und engen Gassen von Gilneas patrouillierten. Da war absolut nichts zu hören!

»Was ist hier bloß los?« murmelte er. Nach kurzem Überlegen, machte er sich langsam auf den Weg in Richtung Händlerplatz. Vielleicht konnte er dort etwas in Erfahrung bringen. Einige der Stände dort hatten auch Nachts geöffnet und versorgten Joran des Öfteren mit Informationen. Oder nicht ganz legalen Gegenständen, die sie unter dem Ladentisch nur ausgewählten Kunden feil boten.

Joran erhöhte sein Tempo. Hier – hoch oben über den Straßen – kannte er sich aus. Er wusste genau, welche Wege er einschlagen musste, um sein Ziel zu erreichen. Er sprang über schmale Gassen, balancierte auf Seilen, auf denen tagsüber die Wäsche einfacher Leute hing und rannte über die Dächer und Firste der Fachwerkhäuser, die das Bild dieser Stadt prägten.

Plötzlich blieb er abrupt stehen. Schnell duckte er sich hinter einen Schornstein und blickte zurück in die Richtung, aus der er gerade gekommen war. »Ich bin nicht allein…« dachte er. Langsam zog er seinen Dolch und war sofort stoßbereit, sollte sich sein Verfolger zeigen. Doch niemand war zu sehen. Entweder spielten ihm seine Sinne heute einen üblen Scherz, oder etwas lief hier absolut nicht so, wie es sollte. Nach einer weiteren Minute, die er mit gezogener Klinge verharrte, steckte er den Dolch wieder in seinen Gürtel und setzte sich wieder in Bewegung.

Nach kurzer Zeit hatte er den Händlerplatz erreicht, doch was er sah bestätigte seine Vermutungen: Hier war etwas faul! Anstatt wie gewohnt auf ein buntes Treiben aus Händlern, Trunkenbolden, leichten Mädchen und dem ein oder anderen Spielmann zu blicken, sah er leere Stände und ein Duzend gepanzerter Soldaten, die vor einem rothaarigen Mann auf weißem Schimmel Aufstellung bezogen hatten.

»Was zum Teufel ist hier los?« Joran verstand die Welt nicht mehr. »Werden wir angegriffen, oder machen die sogar Jagd auf mich?« Es war nicht das erste Mal, dass er an hoffnungsloser Selbstüberschätzung litt. Dennoch war diese Situation alles andere als gewöhnlich und Jorans Neugier war geweckt.

Langsam schlich er auf die dem Händlerplatz abgewandten Seite eines Daches näher an die Truppe aus Soldaten heran, immer bedacht, darauf möglichst geräuschlos vorzugehen. Hier kannte er jede Dachplatte, wusste genau welche der Platten locker war und welche ein hölzernes Knarren verursachten. Hier am Händlerplatz gab es immer etwas zu holen für einen Mann seiner Zunft.

Je näher Joran der ungewöhnlichen Truppe kam, desto aufgeregter wurde er. Er bildete sich sogar schon ein rot leuchtende Augen zwischen zwei Dächern auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes zu sehen, aber nach einem kurzen Blinzeln waren sie wieder verschwunden. »Reiß dich zusammen!« Murmelte er und schob sich langsam Richtung Dachfirst um freien Blick auf die Szenerie unter ihm zu erhalten.

Nun konnte er auch hören, was dort unten gesprochen wurde. Der berittene Mann versuchte offensichtlich seine Männer zu motivieren und anzufeuern. Die Vermutung einer bevorstehenden Schlacht, drängte sich Joran immer mehr auf. Doch gegen wen? Und warum das alles?

»Wir haben Gilneas vor der Geißel beschützt. Wir haben Gilneas während der Nordtorrebellion beschützt. Wir werden Gilneas vor, was auch immer diese neue Bedrohung sein mag, beschützen.« Mit erhobenem Schwert trabte der Berittene die Reihen der Soldaten entlang. »Haltet euch bereit, Wachen! Ich weiß nicht, mit wie vielen Eindringlingen wir es zu tun haben, aber die Mark ist bereits überrannt und wir sind von den Hafenstädten abgeschnitten. Stellt euch darauf ein, in der Unterzahl zu sein!«

Joran traute seinen Ohren nicht. »Wir wurden bereits angegriffen? Die Stadt war bereits von der Außenwelt abgeschnitten?« Seine Gedanken überschlugen sich. Er ging in Gedanken einen Fluchtplan nach dem Anderen durch und überlegte krampfhaft, wie er in einer derartigen Situation am besten sein Überleben sicherte.

Der rothaarige Mann auf weißem Schimmel drehte sich um, als er das Ende der Reihe aus Soldaten erreicht hatte. Endlich konnte Joran das Gesicht dieses Mannes sehen. »Der Prinz!« entfuhr es ihm, bevor er sich zusammenreißen konnte. Joran presste sich die Hände auf den Mund und kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, hatte der Prinz, Liam Graumähne den Blick starr auf ihn gerichtet und das Schwert in seine Richtung erhoben.

Eine Handvoll Gewehrschützen hatten ihre Waffen auf ihn gerichtet. »Komm da runter und zeig dich, Junge!« Für einen Augenblick berechnete er seine Chancen einfach wieder hinter dem First zu verschwinden, bevor ihm einer der Schützen den Kopf wegblasen konnte. Doch seine Chancen hier lebend davon zu kommen waren zu gering.
»Na wird’s bald?«

Langsam glitt Joran die Dachplatten hinunter und stieß sich mit einem Satz hinunter auf die grauen Pflastersteine. Er war geschnappt worden…