Joran stand vor dem Prinzen wie ein Häuflein Elend. War er doch der festen Überzeugung gewesen, lieber sterben zu wollen, als nochmal in die Verliese von Gilneas gesteckt zu werden. Doch dann tatsächlich in einer Situation zu stecken, wo man sich zwischen Leben in Gefangenschaft und einer Kugel im Kopf entscheiden muss, ist etwas ganz Anderes, als es sich nur vor zu stellen. Langsam bildete sich ein Klos in seinem Hals. Mit gesenktem Kopf erwartete er das Urteil des Prinzen, der mit breiten Schultern und strenger Mine auf seinem prächtigen weißen Ross vor ihm stand.

»Was tust du noch hier Junge?« Die dunkle Stimme des Prinzen mit der Aussprache der Adligen und denen, die es gern sein wollten, ließen Joran einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

»Hast du denn nicht gehört? Weißt du denn nicht, dass über die ganze Stadt eine totale Ausgangssperre verhängt wurde?« Joran hob den Kopf und blickte Prinz Liam Graumähne ins Gesicht.

»Melde dich sofort bei Leutnant Walden am nordwestlichen Ende des Händlerplatzes.«

Jorans Augen wurden groß. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriffen hatte, dass der Prinz ihn nicht erkannt hatte. Gut, wie sollte er auch – Strauchdiebe und Beutelschneider trafen eher selten mit der königlichen Familie zusammen. Er konnte sein Glück kaum fassen und brauchte noch einen Moment, bis er sich wieder sammeln konnte.

»Na wird’s bald? Wir sind hier keine Gouvernanten, die auf nichtsnutzige Bälger aufpassen können.«

Schnell verbeugte sich Joran und brachte noch ein »Jawohl…Milord…« heraus, bevor er sich umdrehte und durch den Torbogen am Rande des Händlerplatzes wischte, wie ihm der Prinz geheißen hatte. Kaum um die Ecke verschwunden, lehnte er sich an eine Mauer und atmete tief durch und versuchte seine Gedanken zu ordnen.

»Was für ein Glück.« dachte er, »Aber warum die Ausgangssperre?«

Seit dem Bürgerkrieg vor ein paar Jahren hatte es eine derartige Situation nicht mehr gegeben. Was steckte dahinter? Joran ging ein paar mögliche Szenarien durch und entschied sich nach langem hin und her, dass es wohl seiner Gesundheit am zuträglichsten wäre, wenn er einfach den Anweisungen des Prinzen Folge leisten und sich tatsächlich bei Leutnant Walden melden sollte.

Langsam schlich er durch die Gassen in Richtung des nordwestlichen Tores, dass den Händlerbezirk von den anderen Stadtteilen abtrennte. Die an sich so vertrauten Gassen kamen ihm auf einmal dunkel und bedrohlich vor. Ständig schaute er sich um, hörte Geräusche über sich und bildete sich ein auch Schatten zwischen den Dächern der Häuser zu sehen, die sich bewegten.

Als er um die nächste Ecke bog, lag das große Fallgatter wenige Meter vor ihm. Als er näher kam, entdeckte er auch eine Leiche, die im Schatten neben dem Tor lag. Als er näher kam erkannte er, dass es dich Leiche eines Soldaten war. Mit aufgeschlitztem Bauch und merkwürdig verdrehten Gliedern lag sie, wie gegen die Wand geschleudert vor ihm. Das Blut rann zwischen den Spalten der Pflastersteine wie klebriger Honig über ein Brot. Doch kein Dolch, kein Schwert und auch keine Gewehrkugel hatten Leutnant Walden so zugerichtet. An den Rändern der Wunde konnte Joran eindeutig die einzelnen Kratzer von Klauen ausmachen. Gewaltigen Klauen!

Joran musste würgen. Er hatte schon einige Leichen in seinem Leben gesehen, das gehörte in seiner Gesellschaftsschicht einfach dazu, aber keine war auch nur im entferntesten so zugerichtet, wie dieser Soldat. Ohne es bemerkt zu haben, hatte er seinen Dolch gezogen und diesen fest umklammert. Schweiß rann Joran kalt über den Rücken.

»Ich muss zurück zum Prinzen! Alleine habe ich keine Chance!« Ohne nochmal zu überlegen, rannte er los. Er sah nicht mal mehr nach oben, sondern versuchte nur noch so schnell wie möglich wieder in den Schutz der Soldaten zu kommen. Hätte Joran Zeit gehabt, sich über diese Situation Gedanken zu machen, hätte er mit Sicherheit lachen müssen. Er, der ‘größte Dieb’ Gilneas suchte Zuflucht bei Prinz Liam und seiner Leibgarde.

Als er sich wieder dem Händlerplatz näherte, hörte er bereits den Kampflärm. Gewehre krachten, Schwerter klirrten und Männer schrien.

Als er um die letzte Ecke bog, bot sich ihm ein Bild, dass die Schrecken der bisherigen Nacht wie langweiligen Spaziergang im Sonnenlicht erscheinen ließen. Wilde Bestien, mindestens einen Kopf größer als die meisten Männer und bewaffnet mit riesigen Zähnen und scharfen Klauen stürzten sich aus allen Richtungen und von sämtlichen Dächern auf die Soldaten, die sich verzweifelt wehrten.

»Worgen!« Joran traf die Erkenntnis wie ein Blitz. »Das waren einmal Menschen…«

Plötzlich ertönte ein tiefes Knurren hinter ihm auf einem Dach. Ein leibhaftiger Worg, mit braunem Fell und rot leuchtenden Augen sprang hinter Joran vom Dach und landete wenige Meter hinter ihm. Ohne nach zu denken nahm er die Beine in die Hand und flüchtete mitten auf den Händlerplatz. Joran stolperte über die Leiche eines Soldaten, der mit seltsam verdrehtem Kopf auf den Pflastersteinen lag.

Das Hecheln und knurren des Worgen hinter ihm wurde kam rasend schnell näher. Hilflos drehte sich Joran noch auf den Rücken und hob den Dolch schützend vor seinen Körper, da krachte es hinter ihm und der Worg brach mitten im Sprung zusammen. Nur knapp verfehlte ihn der Kadaver des Biests. Langsam drehte er den Kopf und erblickte Prinz Liam, mit rauchendem Gewehr im Anschlag.

»Nun komm schon, Junge. Wir brauchen hier deine Hilfe« Langsam erhob er sich und schüttelte in schierer Fassungslosigkeit den Kopf.

»Wir mussten herbe Verluste hinnehmen, Junge. Wie ist dein Name?«

»Joran, Milord.«

»Nun gut Joran, wenn du überleben willst, tu genau was ich dir sage.«

»Jawohl, Milord.«

»Worgen! Mein Vater hat mich davor gewarnt, dass die Schöpfungen des Erzmagiers Arugal irgendwann Amok laufen würden. Sei es drum. Geht zur westliche Sete des Händlerplatzes und unterstützt meine Soldaten, Joran. Tötet so viele dieser Ausgeburten der Hölle, wie ihr könnt.«

Joran wollte am liebsten losheulen. Das konnte einfach nicht wahr sein. Er hatte schon zwei Menschen in seinem Leben getötet – aus Rache. Einen fetten Kaufmann, der seine damalige Verlobte entweiht hatte und den Richter, der diesen Bastard für einen Beutel voll Gold frei gesprochen hatte. Seine Verlobte hatte sich nach dem Freispruch das Leben genommen und Joran hatte Rache dafür geschworen.

Diese Situation war jedoch etwas Anderes. Er musste um sein Leben kämpfen. Wenn er hier einen Fehler machte, landete er nicht im Kerker, sondern wurde von scharfen Krallen und spitzen Zähnen zerfleischt. Dann durfte er sich eben keinen Fehler leisten. Er hob eine Axt auf, die in seiner Nähe lag und stand langsam auf.

Der Kampf hatte sich mittlerweile an die andere Seite des Händlerplatzes verlagert. Die Zahl der Verteidiger Gilneas’ hatte sich stark dezimiert, doch noch immer trotzen sie dem nicht enden wollenden Angriffen der Bestien, die von allen Seiten auf den Platz sprangen und strömten. Joran schritt langsam und geduckt in die wenigen Schatten, die die wenigen hölzernen Stände warfen. Die Anspannung wuchs mit jedem Augenblick und der Kampfeslärm, der aus krachenden Gewehren, dem Klirren von Schwertern und den Schrein sterbender Männer und Worgen bestand, rückte immer mehr in den Hintergrund, bis nur noch ein dumpfes Rauschen übrig blieb.

Joran sah in einigen Schritten Entfernung einen schwer bedrängten Soldaten kämpfen, der es nur mit Müh und Not schaffte, sich die geifernden Fänge eines grauen Worgen vom Leib zu halten. Immer wieder konnte er nur knapp den Schlägen der gekrümmten Klauen seines Angreifers entgehen. Der Worg stand mit dem Rücken zu Joran und bevor er sich versah, eilte er mit erhobener Klinge auf die Beiden zu. Ohne zu zögern sprang Joran wie mechanisch auf seinen Gegner und versenkte seine Dolchklinge in dessen Rücken. Die Kreatur brach mit einem erstickten Keuchen zusammen und rührte sich nicht mehr.

Der Soldat, den Joran gerettet hatte, nickte dankbar, nur um mit schreckgeweiteten Augen und weit aufgerissenem Mund eine Sekunde später selbst zusammen zu brechen. Ein Worg hatte sich seinerseits von hinten angeschlichen um sein Opfer mit einem einzigen Hieb seiner Klauen niedergestreckt.

Nun sah sich Joran einem Feind Auge in Auge gegenüber. Kein heimliches Anschleichen von hinten und niemand in Sicht, der ihm zu Hilfe eilen konnte. Joran blieb wie angewurzelt stehen. Der Worg näherte sich ihm. Es war eine Kreatur mit schwarzem Fell und rot leuchtenden Augen. Seine Klauen troffen noch vom Blut des eben getöteten Soldaten und Geifer rann von seinen Kiefern vor Gier auf weitere Opfer.

Der Worg duckte sich zum Sprung, stieß sich mit seinen kräftigen Hinterläufen ab. Joran rollte sich aus Reflex zur Seite und entkam nur um Haaresbreite den schnappenden Zähnen. In einer fließenden Bewegung kam er wieder auf die Beine und wirbelte herum. Sein Gegner brüllte vor Enttäuschung und griff erneut an. Joran parierte die wilden Schläge mit der kleinen Axt in seiner Linken und dem langen Dolch in seiner Rechten.

Er duckte sich unter Schlägen hinweg und entkam ein ums andere Mal den tödlichen Hieben. Der Worg geriet immer mehr in Wut darüber, dass er seinen Gegner nicht bezwingen konnte. Dies machte ihn leichtsinnig. Der Worg setzte etwas zu viel Kraft in einen Schlag, vor dem es Joran nur knapp schaffte sich darunter zu ducken. Nun war die Seite des Worgs ungedeckt.

Joran ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und stieß seinen Dolch in die Flanke der Bestie. Die Knochen des Brustkorbs gaben der spitzen Klinge mit Leichtigkeit nach und Joran versenkte die Klinge bis zum Heft im Körper des Monsters. Noch während der Worg zusammen brach hieb er mit der Linken auf dessen Arm und trennte diesen vom Rest des Körpers. Der Worg war tot.

Schwer atmend stand Joran vor dem Leichnam. Eine Welle des Triumphs überkam ihn. Sein erster Gegner, den er Auge in Auge besiegt hatte. Er lebte, sein Gegner war tot. Schweiß rann ihm von der Stirn und über sein Kinn. Blut troff von seiner rechten Hand. Joran sah sich um. Der Kampfverlauf hatte sich gewendet. Auf die Schnelle konnte er nur noch zwei einzelne Kämpfe ausmachen. Doch selbst diese waren kurz darauf durch die schiere Überzahl, in der sich die Verteidiger nun befanden, schnell beendet. Die Worgen hatten ihre Angriffe eingestellt. Man sah nur noch einige Wenige, die von den Dächern auf den Händlerplatz hinunter blickten, aber selbst die zogen sich einer nach dem anderen in die Schatten zurück. Sie hatten gesiegt!