Nun ist sie schon wieder vorbei, die Lieblingsmesse aller deutschen Spieler. Mehr als 250.000 Besucher strömten in die Ausstellungshallen der gamescom 2010 in Köln, ein stolzer Wert. Die Stimmung war gut, sie war freundlich und friedlich, und somit passte sie so gar nicht zum öffentlich-rechtlich forcierten Klischee der Killerspiele.
Das für Fachbesucher und Presse reservierte Business-Center erfreute sich ebenfalls großer Beliebtheit. Dort konnte man hinter verschlossenen Türen die neuesten Games ausprobieren ohne sich stundenlang in irgendwelche Schlangen stellen zu müssen und das „ab hier 3 Stunden Wartezeit“-Schild anzugaffen. Auch gab es den wahrhaft genialen Nintendo 3DS zu bestaunen, wer mal „Kirby“ gespielt hat, der weiß, wovon hier die Rede ist.

Und doch liegt irgendwie ein Schleier über all dem. Die Messe war hölzern, sie war nüchtern und sie vermittelte den Eindruck, dass man hier ein Pflichtprogramm abspult, weil man es eben abspulen muss. Der Schatten der wiedererstarkten E3 in Los Angeles liegt schwer auf Köln, und viele Hersteller und Publisher sind offenbar nicht bereit, nur zwei Monate nach dem absoluten Jahres-Highlight erneut tief in die Geldkassette zu greifen und eine zweite Messe auf gleichem Niveau zu finanzieren. Fast alle Stände kannte man bereits vom letzten Jahr, Kreativität und Innovation suchte man vergebens. Kosten sparen – dieses überbordende Motto konnte man förmlich riechen.

Natürlich bestätigen hier Ausnahmen die Regel. So war der Messestand von Sony ein Musterbeispiel an Verspieltheit, an Kundennähe und Übersichtlichkeit. Auch NCSoft hat ihr Guild Wars 2 wunderbar präsentiert, da gibt es nicht viel zu meckern. Guild Wars 2 wird auch wieder Free-to-play übrigens.

Und damit sind wir auch schon beim Unwort der Messe: es dreht sich alles ums „Free-to-Play“. Kostenlos spielen, das klingt verlockend. Der Autor dieser Zeilen ist schon lange Zeit in der Branche und erinnert sich sehr gut an Situationen vor zwei oder drei Jahren, als in diversen Foren und Blogs das Thema Free-to-Play regelrecht verhöhnt wurde. Die Community hat kurzen Prozess gemacht mit ihm, als er versuchte, sich dem Thema Micro-Payment auf Samtpfoten zu nähern. Autsch, das tat weh! Also schnell einen Rückzieher gemacht und die WorldofWarcraft-Community zurück in ihr Schneckenhaus lassen – bloß keine Fehler machen und keine Angriffsfläche bieten. Die Zeit war noch nicht reif genug.

Und jetzt? Nur wenige Jahre später haben Free-to-Play Spiele den Markt regelrecht überschwemmt. Die Thematik ist überhaupt nicht mehr wegzudenken, sie wird gesellschaftlich akzeptiert. Es ist „normal“, Geld für Micro-Transaktionen auszugeben und es hat ja auch etwas Verlockendes: ein Spiel erst einmal völlig kostenlos anspielen, bei Nicht-Gefallen entsorgen und von der Festplatte verbannen; bei Gefallen weiterspielen und ab und zu mal ein paar Euros für ein neues Pet oder ein „Ich sammle nun 3 Tage schneller Erfahrung als ihr, ällebätsch“- Item ausgeben.

Auch in Köln war dieser Trend überall zu spüren. Unternehmen wie Gameforge, Bigpoint oder gamigo drängen auf die große Publisher-Bühne. Das Geschäft ist offensichtlich derartig lukrativ, dass ein Gameforge mal eben ein Frogster (Runes of Magic) kauft. Die Strategie ist klar: möglichst viele Spiele auf den Markt hämmern, 8 von 10 floppen, aber die zwei Durchstarter finanzieren alles andere mit.

Branchenintern rechnet man mit Konversionsraten von ca. 5%. Spielen also 10.000 Menschen mein Spiel, kaufen monatlich etwa 500 Menschen etwas. Bei Ausgaben von 20 Euro pro Spieler liegen wir schon bei 10.000 Euro. Und jetzt skalieren wir die Zahlen nach oben. Spielen 100.000 Menschen mein Spiel, setzen wir bei gleichen Annahmen schon 100.000 Euro um. Pro Spiel. Im Monat.

Aber das Geschäftsmodell des Free 2 Play Spielens soll nicht Gegenstand von Kritik sein. Das ist Marktwirtschaft, Angebot regelt die Nachfrage und umgekehrt. Kritik sollte doch eher die Qualität von weit über 90% der Spiele sein! Welch grafische Offenbarungseide da teilweise geleistet werden. Welch spielerische Armut Einzug gehalten hat. Und wie die Einfachheit der Dinge Social-Network-Spiele am Fließband entstehen lässt: Basis-Framework rausgekramt, bisschen Story dazu mixen, bewährte Steuerung, Marketing und PR: fertig ist das neue Game. Billig produziert, schnell produziert.

World of Warcraft kommt einem inzwischen wie ein Rhinozeros vor. Alt, ein wenig hausbacken, behäbig. Kaum Neuerungen, kaum Innovationen, die ewig gleiche Instanzen und Raid-Leier. Und vor allem: monatliche Gebühren. Ist das noch State of the Art?

Ja, ist es.

World of Warcraft hat noch immer seinen Charme. Wer die Beta-Version der kommenden Erweiterung spielen durfte, der traut seinen Augen kaum. Das Spiel wirkt frisch, überarbeitet und irgendwie fühlt man sich wohl. Es dürfte vollkommen klar sein, dass die Herren aus good ol‘ California wieder mal richtig liegen und eine überwältigende Mehrheit der WoW-Spieler auch die nächste Erweiterung ganz klassisch im Handel kaufen wird. Ganz ohne Free to Play.

Aber – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – World of Warcraft wird auf Dauer abgelöst werden. Es muss abgelöst werden, die ewig Gestrigen werden sich nicht wehren können: die Messe in Köln hat es gezeigt. Mächtige und gar nicht mehr “billige” Konkurrenz drängt auf die große Bühne, nennen wir nur einmal das fantastische Guild Wars 2 und vor allem das wohl teuerste Spielprojekt aller Zeiten: Star Wars – The Old Republic (wird das wirklich Free to Play? Man wills kaum glauben…). Diese beiden Spiele werden es wohl dann sein, die dem Unwort Free-to-Play den endgültigen Durchbruch bescheren werden. Und somit dürfte ein jeder wissen, was die Stunde für Blizzards nächstes MMO geschlagen hat. Free-to-Play – wetten, dass…?

Was lobe ich mir da doch den Nintendo 3DS und Kirby. Nix Free-to-Play, einfach nur ein extrem lustiges Jump&Run genießen, ohne an Bezahlmodelle und blöde „meiner ist jetzt länger als deiner“- Items denken zu müssen.

Schade nur, dass Nintendo seine neue Wunderwaffe der Öffentlichkeit vorenthielt. Was solls, es war ja nur die Aufguß-Messe gamescom, die nächste E3 kommt bestimmt.

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